WM-Song

Wieder einmal steht die Fußballweltmeisterschaft bevor. Alle vier Jahre treten männliche Wesen mit stark ausgeprägten Oberschenkelmuskeln darin gegeneinander an, wer geschickter eine Art mit Luft gefülltes Kissen nach rechts oder links treten kann. Begleitet werden sie von einer Meute, die für diese Frage ebenfalls eine Menge Interesse empfindet. Außerdem nutzt schließlich jeder gerne die Gelegenheit, in schrecklicher Hitze in einer aufgeregten Menschenmenge eingekeilt zu sein und ungehemmt durch die Gegend zu brüllen. Doch wenn das Brüllen auf die Dauer etwas langweilig wird, braucht es Alternativen.

Deshalb machen sich einige Berühmtheiten stets an die Aufgabe, ein Lied, oder auch mehrere, zu schreiben, das die angeheiterten Fans im Stadion gut gemeinsam grölen gönnen – können. Vielleicht liegt es an meiner persönlich fehlenden Kompetenz, aber alle Lieder, die ich während dieser Recherche angehört und –gesehen habe oder von den letzten Jahren in Erinnerung behalten habe, klangen, vorsichtig ausgedrückt, teilweise durchaus ähnlich. Ich fühle mich ziemlich wenig befähigt, aus diesem Mix von einfachen Texten, einprägsamen Melodien und klopfenden Rhythmen einzelne Werke herauszulösen. Anscheinend bestehen alle Videos aus einigen Solosängern, die weniger tanzen, einigen Damen, die sich im Takt bewegen und einer Masse, die begeistert dazu La-Ola-Wellen vollführt. Die Texte sprechen von Gemeinsamkeit, Spaß und Zugehörigkeit. Die Botschaften werden so oft wiederholt, dass sichergestellt ist, dass jeder nach einmaligem Hören den Großteil des Stücks mitsingen kann. Dies ist jedoch schließlich auch der Zweck des Ganzen. Die Melodien kann man mit einem gewissen bekannten Wurm vergleichen, der in diesem Fall jedoch wohl eher so etwas wie eine Mücke ist, denn sobald das Lied einmal erklingt, springt er den Hörer an und lässt sich nur schwerlich wieder vertreiben.

Immerhin lassen sich dieses Jahr einige südamerikanisch angehauchten Passagen feststellen, die wohl durch den diesjährigen Veranstaltungsort inspiriert sind. Diese leichten Veränderungen sollen wohl die Kollektionen der verschiedenen Jahre voneinander unterscheiden, doch trotzdem ist nicht zu leugnen, dass jedes Lied vom selben Typ abstammt. Sogar die Interpreten kennt man bereits von früheren Jahren.

Im Allgemeinen sind die meisten der Weltmeisterschaftslieder nett anzuhören und, für den der will, mitzusingen. Trotzdem kann man mit dem besten Willen nicht behaupten, dass sie sich auf einem hohen Niveau bewegen. Übersetzt bedeuten die meisten der Texte soviel wie: „Wir sind eine große Gemeinschaft der Liebe und natürlich des Fußballs“. Ich nehme mir die Freiheit heraus, in Bezug auf die Bildmaterialien zu ergänzen: „und wir sehen es gerne, wenn wohlgeformte Frauen ihre Hüften schwingen und Menschenmengen von Bier angeheitert nicht ganz durchorganisierte Performance aufführen“.

Wer jetzt widerspricht, die Lieder würden sich durchaus unterscheiden, kann sich gerne bei mir melden und die Namen der Songs aus dem Gedächtnis herunterbeten, die bei der letzten WM den Soundtrack bildeten. Sollte ihm das gelingen, so hat er sich einerseits meine Bewunderung, jedoch andererseits die tiefste Verwirrung gesichert. Denn sollte jemand über ein derart exaktes Gedächtnis verfügen, würde ich mich fragen, warum er nicht ein altgriechisches Wörterbuch auswendig lernt.

Das einzig Ärgerliche ist, dass die werten Schöpfer all dieser Meisterwerke für einen Sommer, in dem ihr Lied geröhrt wird, unfassbar viel Geld abräumen. Das und die scheinbare Ehre, einen internationalen Beitrag zur Fußballweltmeisterschaft zu bringen sind die Anreize, die die Künstler dazu bewegen, uns alle vier Jahre von neuem Lalalas und Yeahyeahyeahs zu bescheren. Trotz allem ist dies jedoch ein Teil der Veranstaltung und es ist nicht zu bezweifeln, dass es Leute gibt, die ihn als wichtig erachten. Ob es jedoch Dutzende Ausführungen dieses Teils geben sollte, muss jeder Mensch selbst beurteilen. Ich jedenfalls hatte bereits nach dem ersten Lied das bestimmte Gefühl, dass ich die anderen im Grunde gar nicht mehr anzuhören brauchte.


 

Simone Osterwald

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