Warum erfreuen sich Gedichte nur einer geringen Beliebtheit?

Mehrheitliche Euphorie? Fehlanzeige. Köpfe neigen sich, stöhnende Laute ertönen, eine missmutige Stimmung macht sich breit. „Schon wieder?“, entfährt es den weniger Zurückhaltenden, mal lauter, mal leiser.
Diese Szenerie ist nur allzu häufig zu beobachten, es bedarf dazu keines wissenschaftlichen Befundes; ein jeder Mensch, der um ein dutzend Jahre Schule auf dem Buckel hat, kennt dieses Ereignis aus dem Deutschunterricht: Gedichte stehen mal wieder auf dem Plan.
Die negativen Reaktionen auf diese Ankündigung sind nicht nur in meiner Klasse geläufig, auch im Internet lassen sich Belege dafür finden, dass Lyrik in der Regel keine Begeisterungstürme
auslöst. [1][2][3][4] Selbst Literaturwissenschaftler haben dies anerkannt, so veröffentlichte Andreas Thalmayr beispielweise ein Buch mit dem Titel „Lyrik nervt“.[5]
Doch warum ist das eigentlich so? Welchen Ursachen haben Gedichte ihren aktuellen Status zu verdanken? Das möchte ich im Folgenden zu beantworten suchen.

Ein wichtiger Grund für die mehrheitliche Geringschätzung von Gedichten könnte in der Schwierigkeit, sie zu verstehen, liegen. Lyrik-Pionier Berthold Brecht gesteht ihnen dieses Hindernis ein, betont sogar die Notwendigkeit des „Heranführen[s] kalter Logik“. Nur über den Weg des „Zerpflückens“[6], des dezidierten Analysierens also, könne man die wahre Schönheit dichterischer Werke erkennen.
Gedichte verlangen folglich, dass der Leser in der Lage und auch bereit dazu ist, sich ihrer analytisch anzunehmen. Rhetorische Wendungen, altertümliche Begriffe und versteckte Intentionen wollen gefunden, verstanden und interpretiert werden. Um Gedichte zu mögen, wird vom Leser einiges an Können und Hingabe gefordert.
Heute leben wir indes in einer Zeit, da Unterhaltungsmedien – nichts anderes sind Gedichte auch – im Gegensatz zur Glanzzeit der Lyrik in mannigfaltigsten Formen verfügbar sind – und einen deutlich geringeren Aufwand vom Leser beanspruchen. Es ist eine Zeit, da die „Bild-Zeitung“ die bei Weitem meistverkaufte Tageszeitung Deutschlands ist[7] und RTL-II-Sendungen wie „Berlin – Tag & Nacht“ Bestwerte hinsichtlich der Einschaltquoten feiern.[8] Wer lässt sich schon nicht gerne mal berieseln? Denn ist es einfach, durch die „Bild“ zu blättern oder oberflächlichen Charakteren bei der Bewältigung ihrer in simpelsten Drehbüchern kreierten Probleme zuzusehen. Eigener Denkaufwand: gleich null.
Doch natürlich besteht Deutschland aus mehr als notorischen „Bild“-Lesern und Rund-um-die-Uhr-Zuschauern von RTLII. Die Ursache der allgemeinen Distanz zu Gedichten muss also weiter reichen als zum Aspekt des höheren Anspruchs, auch wenn er damit eng verknüpft ist: Es geht um Zeit. Vielleicht ist die Zeit, der Mangel an ihr, der Grund für die Unpopularität von Gedichten.
Zeit ist ein wertvolles Gut geworden und sie wird vornehmlich zur Entspannung vom Arbeitsalltag genutzt. Dieser nämlich scheint immer härter und stressiger zu werden. Viele Deutsche beklagen sich über zu großen Stress und all die negativen Aspekte, die mit ständiger Erreichbarkeit einhergehen. Dies mündet mitunter in Burnout. Allein zwischen 2004 und 2011 vervierzehnfachte sich die diesbezügliche Anzahl der Krankschreibungen.[9] Eine weitere Folge: Ein sogenanntes Anti-Stress-Gesetz ist in Arbeit.[10]
Dies belegt objektiv das allgemeine Gefühl von Zeitmangel und Überlastung. Wenn also die Menge der Freizeit zumindest gefühlt abgenommen hat, entsteht so gleichzeitig der Wunsch, die vorhandene Zeit mit Personen und Dingen zu verbringen, die Freude und Erholung verheißen.
Sicher, einigen mögen Gedichte ans Herz gewachsen sein, sodass für diese Personen die Kriterien Freude und Erholung erfüllt sind. Da sie zudem geübter mit dem Umgang von Gedichten sind, mit dem „Zerpflücken“ also, um es mit Berthold Brechts Worten zu sagen, benötigen sie logischerweise weniger Zeit.
Allerdings sind solche Fälle nicht die Regel, sie betreffen nicht die Mehrheit, der ich mich in diesem Aufsatz widme. Laut einer Studie der Stiftung für Zukunftsfragen aus dem letzten Jahr verbringt der gemeine Mensch seine Freizeit hauptsächlich mit seiner Familie sowie allerlei technischen Geräten: Das Radio, der Heim-PC, das Smartphone und der Fernseher sind aus dem Freizeitleben nicht mehr wegzudenken[11]. Allein das Fernsehgerät wird in deutschen Haushalten täglich über 220 Minuten genutzt![12] Obwohl dieser Wert noch unter dem EU-weiten Durchschnitt liegt[13], befindet er sich in erschreckender Nähe zu den vier Stunden Freizeit, über die ein Deutscher im Mittel verfügt. Dies lässt indes nicht nur für Gedichte wenig Spielraum, sondern ebenso für jede andere Art von Freizeitaktivität.
Zeit kann man sich nehmen. Man reduzierte die Fernseherbenutzung und schon hätte man Zeit für Gedichte. Ein kleiner Verzicht auf „Berlin – Tag und Nacht“ und man könnte sich mit Gedichten beschäftigen. Einfache, zum Beispiel die Natur preisende wie Rainer Maria Rilkes „Mondnacht“ oder Eduard Mörickes „Er ist`s“, relativ kurze und dennoch bei Gedichten Zugeneigten populäre Werke also[14] böten sich einsteigerfreundlich an. Der tatsächliche Zeitmangel kann nicht ausschlaggebend für die Unbeliebtheit der Lyrik sein, denn er ist scheinbar nur gefühlt vorhanden.
Vielleicht fehlt Gedichten lediglich das Medium. Vieles, was heutzutage gemocht wird, wird vermittelt. Dabei spielen Familie und Freunde, aber auch Fernsehen, Radio, Zeitungen (ob nun gedruckt oder digital) und das Internet eine nicht zu verachtende Rolle.
Ich stelle folglich die These auf, dass sich Menschen maßgeblich daran orientieren, was sie gewissermaßen vorgesetzt bekommen, oder, anders formuliert, dass Medien bestimmen, was der Mensch mag. Nehmen wir das Beispiel Radio: Die jeweiligen Sendestationen legen fest, welche Lieder welcher Interpreten gespielt werden. Der Hörer kann darauf so gut wie keinen Einfluss nehmen. Wenn nun beispielsweise ein Song eines in Deutschland noch weitgehend unbekannten Interpreten gespielt wird, findet er sicher bei einigen Zuhörern Anklang. Sie mögen und kaufen dieses Lied. Ohne das Radio wären diese Personen nie auf diesen Musiker gestoßen.
Ein anderes Beispiel, Filme: Die Produzenten besetzen die vorhandenen Filmrollen mit bestimmten Schauspielern. Die potenziellen Kinobesucher können auch darauf kaum Einfluss nehmen. Wenn einem Zuschauer nun der fertige Film gefällt und ihn ein bestimmter Schauspieler ganz besonders begeistert hat, so kauft er sich möglicherweise weitere Filme, an denen der besagte Darsteller mitgewirkt hat.
Beachtet werden muss unbedingt, dass nur massenwirksame Medien für die in diesem Aufsatz behandelte Frage relevant sind, denn es geht schließlich darum, warum die Allgemeinheit die Lust, Gedichte zu lesen, verloren hat, und nicht um die durchaus vorhandene Minderheit, der Gedichte noch immer wichtig sind.
Und sind Gedichte nun in den Medien präsent? Nein. Schaut man sich im Internet einige Zeitungen an, findet man neben zahlreichen Meldungen auch beträchtliche Menge an künstlerischem Unterhaltungsmaterial, auch welches mit höherem Anspruch und brisanten Inhalten – also eigentlich auch genau das, was Gedichte oft ebenfalls enthalten.
Die digitale Frankfurter Allgemeine Zeitung beispielsweise veröffentlicht kritische Comics[15], Zeit Online macht mit bewegenden „Momentaufnahmen“ auf Diverses aufmerksam[16] und die Süddeutsche Zeitung stellt regelmäßig neue Bucherscheinungen vor[17] – und all das ist auf den Startseiten zu finden. Auf Gedichte stößt man nicht.
Natürlich kann man „Gedichte“ googeln und man erhält nicht weniger als neunzehn Millionen Ergebnisse[18]. Wer nach Lyrik sucht, wird sie finden. Doch das reicht nicht. Denn wer sucht schon nach Gedichten, wenn er sie nicht mag? Das Internet ist mithin ein hervorragendes Medium zur Aufrechterhaltung des bereits bestehenden Interesses, es vermag allerdings nicht, Gedichte zu größerer Popularität zu verhelfen.

Die Deutschen sehen sich immer höherem Arbeitsdruck ausgesetzt und möchten ihre Freizeit lieber mit simpleren Dingen verbringen als mit Gedichten. Um dies zu ändern, wäre eine größere Medienpräsenz vonnöten, wozu zum Beispiel eine „Gedicht-des-Tages“-Rubrik in Zeitungen dienen könnte.
Allerdings sollten sich die Verfechter der Lyrik auch mit der Frage beschäftigen, ob sich Gedichte nicht einfach im Zuge eines ganz natürlichen Prozesses, ähnlich wie Mode oder Filme, mit der Zeit gewandelt haben. Denn was, wenn nicht Gedichte mit wohlklingender Untermalung, sind all die Lieder, die uns tagtäglich auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit begleiten, die zuweilen unser aufgedrehtes Gemüt beruhigen und uns zum Mitsingen animieren? Vielleicht sind Gedichte also doch nicht so unbeliebt…

[1] vgl. http://www.derwesten.de/wp/zeusmedienwelten/zeus/fuer-schueler/zeus-regional/kreis-olpe/gedichte-ein-spannendes-thema-id240967.html

[2] vgl. http://www.gutefrage.net/frage/wieso-finden-viele-gedichte-so-bloed

[3] vgl. http://www.focus.de/familie/wissenstest/lernatlas/mathematik/mathe-ist-das-lieblingsfach-der-deutschen-schulfaecher_id_1964558.html

[4] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Lyrik#Gegenwart

[5] http://www.amazon.de/Lyrik-nervt-Andreas-Thalmayr/dp/3446204482

[6]http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=0CCIQFjAA&url=http%3A%2F%2Fwww.stiftikus.de%2Flyrik%2FbrehtTal.doc&ei=jB5DVYWoO8PSaLSTgMAE&usg=AFQjCNEbN-pAsETNta_IOxW9EWg_dLwGKw&bvm=bv.92189499,d.d2s

[7] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Tageszeitung#Tageszeitungen_in_Deutschland

[8] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Berlin_%E2%80%93_Tag_%26_Nacht#Einschaltquoten

[9] vgl. http://www.bptk.de/uploads/media/20120606_AU-Studie-2012.pdf

[10] vgl. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-08/nahles-will-anti-stress-verordnung

[11] vgl. http://www.stiftungfuerzukunftsfragen.de/newsletter-forschung-aktuell/257.html

[12] vgl. http://www.welt.de/vermischtes/article132768358/So-viel-Zeit-verbringen-die-Deutschen-vor-dem-TV.html

[13] s. 12

[14] vgl. http://www.susannealbers.de/03philosophie-literatur-gedichte00.html

[15] vgl. http://www.faz.net/

[16] vgl. http://www.zeit.de/

[17] vgl. http://www.sueddeutsche.de/

[18] vgl. https://www.google.de/search?q=gedichte&hl=de&gws_rd=cr,ssl&ei=sWNIVaSOH5DUasbvgPgI

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