Teil zwei der Fortsetzungsgeschichte

TEIL 02:

Endlich erreiche ich meinen Wohnwagen, lasse mich auf das Schlafsofa fallen, das mit vielen runden Kissen bedeckt ist, und überdenke meinen turbulenten Tag. Ich muss gewohnheitsmäßig früh raus, um rechtzeitig am Set zu sein. Ich spiele in einer Fernsehserie mit. Sie nennt sich „Das Dunkle an deiner Seite“ und steckt schon in der dritten Staffel. Eine Gruppe junger Leute erbt das Haus eines Zauberers und zieht dort ein. Natürlich passieren kurz darauf unglaubliche Dinge, zwei der Mädchen bekommen magische Fähigkeiten und einer der Jungen ist in der letzten Staffel sogar gestorben….

Heute drehten wir die Szene, in der Lizzy, also meine Rolle, von Mark verlassen wird und in unheilbarer Selbstaufgabe den gefährlichen Nebel-Hohlweg entlanggeht. Der Schnitt erfolgte genau in dem Moment, in dem ich mich umgewendet habe und etwas rechts von mir entsetzt anstarre. Ein typischer Cliffhanger also.

In der Realität habe ich ins Nichts gestarrt, aber das Drehbuch erklärt, dass eine Gruppe Rocks mich aufgespürt hat. Logisch, schließlich wirkt unser Schutzzauber auf diesem Weg nicht. Rocks sind ziemlich widerwärtige Kreaturen, die mich immer an Belugawale erinnern. Jedenfalls in der Farbe. Sie sollen eine Art Gnom sein, die furchtbar schreien können, deren wahre Waffe aber ihre giftigen Tränen sind. Die Arbeit mit ihnen ist oft etwas mühsam, da sie fast ausschließlich computeranimiert sind. Morgen drehen wir aber erst einmal eine Szene, die in der Handlung schon gewesen ist. So durcheinander geht es am Set meist zu, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran.

Das allein wäre also noch kein Grund zur Aufregung. Aber die Ankündigung Ivonnes hat mich wie ein Schuss in den Magen getroffen. Sie will die Serie verlassen.

Ich kenne Ivonne seit den ersten Dreharbeiten vor fünf Jahren. Wir spielten im dritten Casting zusammen und verstanden uns auf Anhieb. Ihre besonnene Art bildet das komplette Gegenstück zu meinem impulsiven Wesen, sodass wir uns gegenseitig ausgleichen und ergänzen.

Aber nun soll das ein Ende haben. Warum will Ivonne plötzlich aufhören? Will sie Jinni, die ihre Inkarnation zu sein scheint, einfach aufgeben? In der letzten Staffel haben wir uns noch gemeinsam über Georg aufgeregt, als er geschmissen hat und seine Rolle sterben musste. Er wolle etwas Anspruchsvolleres, hat er uns damals erklärt. Ivonne erwiderte verächtlich: „Wer soll dich denn nehmen, wenn du Dreharbeiten vorzeitig abbrichst? Du musst das hier jetzt durchhalten, um dir einen Namen zu machen. Danach kannst du immer noch pädagogisch wertvollen Quatsch fabrizieren.“ Wir hörten niemals wieder von ihm.

Offenbar hatte Ivonne es nun noch mal überdacht. Aber wie sollte ich hier ohne sie weitermachen? Schauspieler sind im wahren Leben meist furchtbare Menschen. Oberflächlich, rücksichtslos und vollkommen von sich selbst überzeugt. Ivonne war die einzige, mit der ich mich gern unterhalten habe. Ich muss unbedingt herausfinden, was der Grund für ihren Rücktritt ist. Eventuell kann ich sie noch aufhalten.

Der nächste Tag bringt einige Überraschungen. Der Plan wurde geändert, wir wiederholen die Szene, in der Dave mit Penelope durch die Dielen in der Kammer bricht und den Keller entdeckt. Also habe ich den ganzen Vormittag frei und beschließe, Ivonne zu suchen. Da ihre Rolle etwas weniger wichtig als meine ist, der einzige Grund, aus dem es ihr überhaupt möglich ist auszusteigen, wohnt sie im Bungalow. Ihr Zimmer liegt am Ende des engen, fensterlosen Korridors.

Zum Glück, denn das gibt mir die Möglichkeit, etwa auf der Hälfte inne zu halten. Aus dem Zimmer, in das ich sonst geplatzt wäre, dringt Stimmengewirr. Mindestens sechs Leute, schätze ich. Keine der Stimmen kommt mir bekannt vor. Wer ist das? Wie im Film schleiche ich näher, um an der Tür zu lauschen. Sie klingen aufgebracht, fast zornig.

„Lass uns verschwinden, bevor uns noch jemand erwischt.“ Eindeutig ein Mann.

„Sofort“, das ist ein anderer, „das Teil will einfach nicht halten!“ Dem folgt einiges Gepolter und Scharren, dann ein dumpfer Knall. Schnelle Schritte, die, wie ich zu spät bemerke, zur Tür streben.

Ich erwache von starken Kopfschmerzen in absoluter Finsternis. Wo zum Teufel bin ich? Wichtiger noch: Was ist passiert? Der Fußboden ist kalt und glatt. Vorsichtig richte ich mich auf. Ein bläulicher Schimmer. An einer Wand befindet sich ein Bildschirm. Es läuft irgendeine Werbung. Ich setze mich in eine Ecke. Ich habe keine andere Wahl als zu warten. Hier gibt es weder Fenster noch eine Tür. Wie bin ich hierher gekommen?

Mittlerweile laufen im Fernsehen Nachrichten. Ob mich schon jemand sucht? Wie lange bin ich schon hier? Die Sprecherin verkündet keine Vermisstenanzeige. Es kann nicht viel Zeit gewesen sein. In diesem Raum gibt es keine Zeit. Zeitlos. Der Fernseher ist mein einziges Fenster zur Außenwelt. Aber er ist ein Einwegtunnel. Ich kann hineinsehen, aber niemand schaut heraus.

Doch, jemand sieht mich. Wenn ich aus leichtem Schlaf emportauche, steht manchmal etwas zu essen vor dem Fernseher. Die Tür muss sich dahinter befinden, aber ich suche sie vergeblich.

Inzwischen ist mir klar, dass dieser Kanal „Das Dunkle an deiner Seite“ ausstrahlt. Ich sehe die Folgen, die wir in den letzten Wochen gedreht haben. Aber es kommen zunehmend Szenen dazu, die ich nicht kenne.

Tränen der Verzweiflung füllen meine Augen, als ich Lizzy sterben sehe. Man kann ihr Gesicht nicht erkennen, als die Rocks über sie herfallen. Wer hat das wohl gespielt? Die Nachrichten suchen immer noch nicht nach mir. Lizzy ist tot und mit ihr meine Hoffnung.



Simone Osterwald

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