Teil drei der Fortsetzungsgeschichte

Vor fünf Jahren war alles noch so anders, denke ich und versuche mein Unbehagen zu unterdrücken.

Ich lehne an einer dieser schrecklich weißen, gefliesten Wände und starre ins Leere.

Mittlerweile habe ich wirklich jedes Zeitgefühl verloren.

Wenn nicht langsam etwas passiert, drehe ich durch.

Bevor ich es selbst realisiere, entfährt mir ein markerschütternder Schrei, dann noch einer, und noch einer: „Verdammt noch mal, lasst mich hier raus! Hilfe!“

Keine Reaktion. Wie immer.

Verzweifelt sinke ich zu Boden und spüre, wie mir die Tränen übers Gesicht rollen.

Ich ziehe die Knie an und umschlinge sie, das Gesicht tief in den weichen Stoff meines Pullis gedrückt.

Warum sollte mich jemand kidnappen?

Wollen sie Geld? Sind es möglicherweise nur Lösegeldforderer und ich bin schon bald hier weg?

Aber warum wird in den Nachrichten nichts über mich berichtet?

Ich verstehe das nicht. Und dieser kleine schreckliche flimmernde Bildschirm scheint mir den letzten Rest an Verstand zu rauben, denn kurz darauf stehe ich vor ihm und schreie ihn an.

Verzweifelt raufe ich mir die Haare und trete gegen eine Wand.

Und dann halte ich dem Ganzen nicht mehr stand und breche zusammen.

Wimmernd liege ich auf dem Boden, mein Schluchzen lässt meinen ganzen Körper erbeben und scheint mich zu ersticken.

 

Vor fünf Jahren war alles so anders.

Mir kommt ein Tag in Erinnerung, ein Tag, der mit der Zeit immer seltener wurde und schließlich wie so vieles aus meinem Leben verschwand, als die Serie ihren Platz darin einnahm.

 

Es war strahlend blauer Himmel und eine leichte Brise wehte durch die Baumkronen, ein perfekter Tag in den Sommerferien.

Meine beste Freundin Caro und ich verbrachten die meisten unserer Ferientage auf einer Decke am Feld, gleich hinter unseren Häusern, dort, wo der Smog der Großstadt nicht hingelangen kann und man statt der dröhnenden Autos noch das Gezwitscher der Vögel hört.

Obwohl wir uns schon seit der Grundschule kannten, hatten wir immer etwas zu reden. Uns wurde nie langweilig. Was uns verband, war mehr als Freundschaft, Caro gehörte schon fast zu meiner Familie, wenn sie nicht sogar noch mehr war als das.

So genossen wir wieder mal den Tag, scherzten oder lagen einfach nur da und machten unzählige Fotos. Sie war immer für mich dagewesen, wie ein Fels in einer noch so stürmischen Brandung. Wir teilten alles, Freud und Leid.

Bei dem Gedanken an Caro geht es mir etwas besser, wenngleich ich einen Stich in meinem Herzen fühle.

Die Serie hatte uns getrennt.

Ich war schon immer begeistert vom Schauspielern gewesen, doch hätte mir nie träumen lassen, dass ich eine so wichtige Rolle ergattern würde.

Und dann ging alles schneller, als ich es erwartet hatte.

Szene hinter Szene, Folge hinter Folge, Staffel hinter Staffel wurde gedreht und unserer Freundschaft die Zeit geraubt.

Sogar mit der Schule hörte ich auf, da bei meinem stressigen Drehplan dafür keine Zeit mehr war.

Und je näher sie ihrem Abitur kam, desto berühmter wurde ich. Bald schon erkannte man mich auf den Straßen, und so konnten wir die wenigen Stunden, die uns blieben, meist nur drinnen verbringen.

All dies zehrte an unserer Freundschaft und unzählige Streitigkeiten belasteten uns.

 

In meinen Gedanken erscheint das Gesicht von Matt, einem blonden, attraktiven, ehemaligen Mitschüler.

Ich beiße meine Zähne zusammen und versuche seinen arroganten Gesichtsausdruck abzuschütteln – ja, auch er war damals daran schuld gewesen, dass unsere Freundschaft zu Grunde ging. Denn wenn ich spontan einen Drehtag freibekam, war er stets schon bei ihr. Sie machten alles zusammen.

Natürlich habe ich sie verstanden, er war der erste Junge, mit dem es ihr ernst war, und auch er, der sonst für sein Player-Image bekannt war, schien sie wirklich zu lieben.

Doch ich ertrug es nicht, so oft von ihr getrennt zu sein, und irgendwann wurde mir klar, dass dort, wo die Serie ihren Platz in meinem Leben eingenommen hatte, Matt den Platz von mir in ihrem Leben und Herzen eingenommen hatte.

Es war absehbar gewesen, und doch traf mich diese Erkenntnis damals wie ein Schlag auf den Kopf.

Bei all den Dreharbeiten war es mir jedoch nie möglich gewesen, dies zu verarbeiten, also brannte sich ein schwarzes Loch in mein Herz, das ich nun wieder spüre.

 

Was würde ich nur dafür geben, all dies rückgängig zu machen, niemals zu diesem alles entscheidenden Casting gegangen zu sein.

 

Immerhin bin ich durch die Gedanken an mein altes Leben einen Moment abgelenkt und habe mich etwas beruhigt. Ich setze mich auf und lehne wieder an der Wand.

Doch in mir zittere ich immer noch und atme kurz und abgehackt.

Wieder kommen ein paar klare Gedanken aus der Wirrnis meines Kopfes.

Ich denke an vieles, meine Familie, meinen großen Bruder, meine alte Schule, mein altes Leben, die Serie, Ivonne und wie es weitergehen soll.

 

Mit einem Mal packt mich Entschlossenheit.

Ich werde nicht länger tatenlos rumsitzen, es muss einen Weg hier raus geben!

Ich muss wach bleiben, damit ich sehe, wie mir jemand Essen hinstellt.

Es muss eine Möglichkeit geben, dass ich hier raus komme!

Ich darf mich nicht damit abfinden, hier drin gefangen zu sein!

Und da sehe ich es:

Eine kleine Ecke Stoff schaut hinter dem Fernsehbildschirm hervor.

Ich springe auf und ergreife die Ecke, doch sie rührt sich nicht.

Je länger ich daran herumziehe und zerre, desto mehr spüre ich die Verzweiflung abermals in mir aufkommen.

Doch ich setzte mich nieder und atme einen Moment durch und versuche einen klaren Kopf zu bekommen.

Und dann merke ich, dass ich kämpfen muss.

Die Gedanken an mein altes Leben haben sich in meinen Kopf gebrannt, ich muss hier raus, damit sich so vieles ändern wird.

 

Wie verrückt ziehe ich an dem winzigen Stück Stoff, und plötzlich löst es sich mit einem ‚Klack‘. Im selben Moment geht das Licht aus und das einzige, was bleibt, ist der Hall meiner Worte: „Ihr seid vielleicht ‚das Dunkle an meiner Seite‘, doch in meinem Herzen brennt ein Feuer für all die, die ich liebe!“

 


 

 

 

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