Protest statt Begeisterung – die Schattenseite der WM

Am 12. Juni geht’s los! Gastgeber Brasilien und Kroatien eröffnen die Weltmeisterschaft, die in den Augen der Fußballfans ein tolles Fest zu werden verspricht. Schließlich ist Brasilien DIE „Fußballnation“, die doch nur euphorisch auf das Übertragen der WM wartet! So denken es sich jedenfalls die meisten Fans hierzulande. Doch dieses oberflächlich einheitliche Bild über die Brasilianer ist schlicht und einfach falsch.

Ein Jahr zurück, Juni 2013. Millionen Brasilianer im ganzen Land, vor allem Studenten aus der Mittelschicht, aber auch Arbeiter, Ärzte und Lehrer protestieren gegen steigende Fahrkartenpreise, hohe Lebenskosten, soziale Missstände, massive Korruption, und grundsätzlich für mehr Demokratie und Transparenz. Es sind die größten Proteste in Brasilien seit Jahrzehnten, wie wir sie uns hier in unserer Gleichgültigkeit wohl kaum vorstellen können. Doch vor Allem richtet sich die brasilianische Revolte gegen die FIFA und die WM. Fassungslos, fast schon etwas hochnäsig empören wir uns über Brasilien. Wie kann man denn gegen die WM sein??? Die WM bedeutet doch für ALLE und für einfach JEDEN Spaß, Freude und Stolz über den Erfolg unserer Nationalmannschaft!

Doch wer so denkt, der muss etwas über den Tellerrand hinausgucken.

Die WM bedeutet kaum Freude und Stolz für die 30.000 Menschen, die aus den Armenvierteln Brasiliens vertrieben worden sind, für neue Luxusstadien und ein schönes, modernes Erscheinungsbild, in das arme, hungernde Menschen natürlich nicht passen würden – und so wurden sie, wie Dreck auf dem Boden, kurzerhand weggefegt – und zwar damit WIR, die Industrienationen, unsere Freude, unseren Spaß und natürlich unseren Stolz und unseren Hurra-Patriotismus genießen können.

Die WM bedeutet auch keinen Spaß für diejenigen Babys, Kinder, Alte, Angehörige und viele mehr, die wegen der fehlenden medizinischen Versorgung und den maroden Krankenhäusern an Krankheiten täglich qualvoll sterben.

Und die WM bedeutet erst recht keine Freude für all‘ die jungen Leute, denen wegen fehlenden Schulplätzen, eines nicht funktionierenden Schulssystems und fehlender Bildung letztlich ihre Zukunft genommen wurde.

Sie bedeutet auch keinen Spaß für die arbeitenden Menschen, die täglich auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind und die sich nun schon allein den Weg zum Arbeitsplatz aufgrund massiver Erhöhungen der Fahrticketpreise kaum noch leisten können, während ihr Lohn immer weiter bergab geht.

Brasilien hat viele Probleme. Doch gleichzeitig gibt die Regierung Milliarden für Luxusstadien, für Werbung, für die FIFA, für die WM und damit auch für unseren Spaß, unsere Freude, unseren Stolz aus. Geld, was den Krankenhäusern, dem Bildungssystem und letztlich den Menschen, fehlt. In kaum einem Land der Welt hat sich die Schere zwischen Arm und Reich so stark vergrößert wie in Brasilien. Dies verwundert nicht, wenn man sich eben jene Ausgaben für die WM anschaut.

So erscheint er doch etwas verständlicher, warum seit letztem Jahr Millionen von Menschen in ihrem Frust, in ihrer Wut und in ihrer Fassungslosigkeit demonstrieren und rebellieren. Sie wollen endlich gehört werden, verlangen, dass die Milliarden, die für die WM draufgehen, in Bildung und in Krankenhäuser gesteckt werden. Sie wollen endlich, dass ihre Interessen, die Interessen der Bürger nicht immer vor Interessen von reichen Unternehmen wie der FIFA zurückfallen.

Denn die FIFA ist wohl das korrupteste, verächtlichste und asozialste Unternehmen der Welt. Sie allein ist es, die durch die TV-Rechte und durch die Promotion, die sie nun betreiben kann, die Profite abkassiert, während sich gleichzeitig FIFA-Chef Sepp Blatter über die gewaltsamen Proteste in Brasilien empört. Sepp Blatter hat Blut an den Händen. Er ist mitverantwortlich für jeden von seinem Zuhause Vertriebenen, und er ist verantwortlich für jeden Toten aktuell in Brasilien oder aber in Katar (WM 2022), wo die Menschen wie die Sklaven bei über 50°C in Stadien arbeiten müssen und zahlreiche schon vor Erschöpfung gestorben sind.

Aber auch wir müssen uns nach unserer Verantwortung fragen. Die WM ist sicher etwas Tolles. Ja, es macht Spaß und bereitet uns Freude, wenn wir die Nationalmannschaften aller Welt spielen sehen. Denn Fußball verbindet.

Doch Fußball verbindet nicht nur die Nationalmannschaften, sondern auch die Menschen der verschiedenen Länder. In unserer Freude sollten wir nicht vergessen, welche Opfer diese WM aktuell mit sich bringt. Und wir sollten uns fragen, wie stolz wir sein können, wenn auch für uns Millionen von Menschen ausgebeutet wurden und werden. Es liegt in unserer Hand, für eine bessere WM, in erster Linie für alle Menschen und nicht für das Unternehmen FIFA, zu sorgen. Dies beginnt damit, dass wir unsere Gleichgültigkeit über Geschehnisse in der Welt ablegen.


 

Mert Karaterzi

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