„Jo Digga, was geht?!“

Sapperlot und bei Rudolphs roter Nase, bin ich erschöpft!

Dass dieser alte Herr hier doch noch müde wird, hätte ich nicht gedacht. Das war das schwerste Weihnachten seit ich diesen Job mache … und das ist nun wirklich schon sehr lange.


Ach, aber was soll ich hier lange um den heißen Zimt Brei rumreden, ich erzähl’s dir, mein liebes Tagebuch.

>>Rudolph! Komm sofort her, wir haben es eilig! <<, rief ich meinem trotzigem Rentier hinterher.

Mühsam kämpfte ich mich durch den Schnee, um ihn endlich zu erreichen.

Dass er immer an Weihnachten solche Faxen macht! Claudia soll ihn noch auftrensen, und ich muss endlich sehen, ob die Elfen den Schlitten beladen haben.

Mit zwei weiteren Schritten war ich endlich bei ihm angelangt und griff nach seinem Halfter.

>>Tausende Kinder würden liebend gerne zu mir kommen, und du rennst weg. <<

Glücklicherweise nahm mir Claudia ihn gleich ab, ach meine liebe Claudia, welcher Weihnachtsmann wünscht sich nicht so eine Frau?

Langsam schritt ich wieder hoch zum Hauptquartier und warf einen Blick auf den Schlitten, er war bereits prall geladen und zur Abfahrt bereit. Nun musste ich mir nur noch wärmere Sachen anziehen, ja der rote Mantel passt am besten, und schon konnte es losgehen.

Leichtfüßig schwang ich mich auf den Sitz, nun ja vielleicht etwas weniger leicht und ein bisschen mehr schwer, da kam Claudia noch angerannt.

Prustend reichte sie mir ein schwarzes Navigationssystem.

>>Ach, Claudi, du weißt ich bleibe lieber bei meinen Karten … von diesem Zeug halte ich Garnichts. Es ist schon schlimm genug, dass sich alle so etwas wünschen. <<

Doch wie immer konnte sie mich schnell überreden und so tauschte ich die guten alten Karten gegen diesen modernen (Schrott-) Navigator.

Immerhin schien es als käme ich schnell ans Ziel, doch nach nur drei Großstädten lagen bei diesem Teil wohl nicht weniger die Nerven blank als bei mir.

>>Bitte, wenden. Bitte wenden. <<

>>Wo soll ich wenden?! Ich muss doch geradeaus! <<, brummte ich der Stimme entgegen.

Nervös zupfte ich an meinem Bart rum, zwar kannte ich die Route, aber durch die immer größer werdenden Städte verlor ich Jahr für Jahr den Überblick und griff auf meine Karten zurück. Die Karten, die nun nicht bei mir waren!

Auch Rudolph und die anderen scharrten ungeduldig mit den Hufen, ich war schon jetzt zu spät.

Beim heiligen Schneemann, ich musste nun weiter!

Vielleicht konnte ich jemanden nach einer Karte fragen … aber wo sollte ich den Schlitten lassen?

Ich entschied mich zur nächsten Stadt zu fliegen und dort in einem Park zu landen.

Ich riss das Navi vom Schlitten und schmiss es sogleich in den nächsten Mülleimer.

Mit lautem Geklapper gesellte es sich zu seinesgleichen.

Glücklicherweise war der Park etwas am Rand und mich konnte nicht jeder sehen, es war ohnehin schlimm genug, dass mich überhaupt jemand sehen konnte. Ich musste sehr Acht geben, dass mich kein Kind sah!

Doch schon ein paar Seitenstraßen weiter kam mir ein nett wirkender junger Mann entgegen.

Er blieb ein paar Schritte weiter an einer Bushaltestelle stehen, nun musste ich mich beeilen, bevor der Bus kommen würde.

Räuspernd stellte ich mich neben ihn.

Doch er reagierte nicht.

Ich blickte zu ihm runter auf seine karierte Mütze und räusperte abermals. Keine Reaktion.

>>Entschuldigen Sie. <<, redete ich ihn an, doch noch immer keine Reaktion.

Warum ignoriert er mich? Was ist bloß heutzutage los?

Ungeniert klopfte ich ihm auf die Schulter und redet abermals los. >>Entschuldigung, aber könnten Sie … <<, begann ich, stockte jedoch als er mich mit hochgezogener Augenbraue ansah. Diesmal ignorierte ich es und redete weiter. >>Könnten Sie mir bitte bei etwas behilflich sein? <<, er nickte doch sah mich weiterhin skeptisch an, doch ich riss mich zusammen und erklärte ihm trotzdem kurz alles. Wieder keine Reaktion seinerseits.

Für einen Moment schloss ich die Augen und atmete durch. Er wollte anscheinend heute kein Geschenk mehr bekommen.

Noch ein letztes Mal sprach ich ihn an. Plötzlich zog er sich seinen Kopfhörer aus dem Ohr …

>>Jo Digga, was ist denn los? <<, lallte er.

>>Ich darf doch wohl sehr bitten, das ist erblich bedingt! <<, verteidigte ich mich und zog mir den Mantel etwas enger.

>>Boa, was stresst du? <<, gab er von sich und sah mich mit offenem Mund und halbgeschlossenen Augen an.

>>Ich wollte mich erkundigen, ob Sie mir wohl behilflich sein könnten, junger Mann? <<

>>Jo man, nein. Chill dein Leben, mein Bus ist da, hauste! <<

Ich hatte kein Wort verstanden.

Immer noch nachdenkend, was er wohl mit ‚hauste‘ gemeint hatte, stapfte ich weiter durch die Straßen. Unaufmerksam wie ich war, lief ich direkt in eine Einkaufspassage. Ich hatte gar nicht gewusst, wie ich hierhergekommen war, oder warum heute geöffnet war. Sollten denn nicht alle zu Hause vor ihrem Weihnachtsbaum sitzen und bereits ungeduldig auf mich warten?

Plötzlich zog mich jemand am Ärmel: >>Herr Müller, nun kommen Sie endlich! Diese letzten Stunden, halten Sie doch wohl mal ohne eine Zigarette aus! Strengen Sie sich mal ein bisschen an, wir wollen glückliche Kunden! <<

Im nächsten Moment wurde ich in einen Stuhl gezerrt und mir ein schreiendes Kind auf den Schoß gesetzt.

>>Äh, … na wie geht es dir denn? <<, versuchte ich es zu beruhigen, doch es schrie nur weiter.

>>Ich will eine neue Wii! <<, wiederholte es immer und immer wieder.

>>Mein liebes Kind, warst du denn auch artig? <<

>>WII!<<

Verwundert zog ich den Kopf zurück und sah mich nach seinen Eltern um.

Als ich sie erblickte und zu mir winkte, trotteten sie genervt zu mir.

>>Wofür bezahlen wir denn 10 Euro? Können Sie mir das mal sagen? Jetzt geben sie dem Jungen endlich eine Schokolade oder sonst was! <<, blaffte mich seine Mutter an, während sie einen Spiegel aus ihrer Handtasche zog und prüfend hineinsah.

>>Ich denke, wir verstehen uns nicht, ich gebe nur braven Kindern etwas. <<

Vorsichtig schob ich den Jungen von mir und stand auf. Was für eine Unverschämtheit, hat denn heutzutage keiner mehr Respekt vor dem Weihnachtsmann?

Zielstrebig lief ich Richtung Ausgang, als mich abermals jemand am Arm packte.

>>Also mein lieber Herr Meyer! Das kann ja jetzt wohl nicht ihr Ernst sein. Sie bewegen nun sofort ihre vier Buchstaben zurück in diesen Sessel! <<, tönte seine Stimme zornig zu mir auf.

Langsam drehte ich mich um und stemmte die Hände in die Hüften.

>>Sie wissen wohl nicht wer ich bin? <<

Er lachte ironisch auf und tippte sich auf die Stirn: >>Na klar, der Weihnachtsmann. <<

Mir blieb der Mund offen stehen, er wusste es also doch.

>>Dann können Sie mir bestimmt helfen! Ich brauch eine Karte …<<

>>Helfen kann ich Ihnen gerne, Sie sind gefeuert! << Wütend drehte er sich um und ließ mich fassungslos stehen.

Erschöpft sank ich auf eine der Sitzbänke und knöpfte mir meinen Mantel etwas auf, zog die Mütze vom Kopf und verschnaufte einen Moment.

Die Welt wurde immer verrückter. Das war nichts für einen alten Herrn wie mich.

Ich verschnaufte ein paar Minuten bis ein kleines Mädchen zu mir kam und mich hilflos ansah.

>>Kannst du mir helfen meine Mama zu finden? <<, fragte sie schüchtern und machte einen Schmollmund.

Ich lächelte sie lieb an und stand auf. Dafür musste noch Zeit sein. >>Aber natürlich meine Kleine, wo war sie denn zuletzt? <<

Ein breites Lachen legte sich auf ihr Gesicht: >>Da bei dem Bücherladen, aber jetzt ist sie nicht mehr da. <<

Ich drehte mich um und erblickte den Bücherladen. >>Und wie sieht deine Mama aus? <<, fragte ich sie und hockte mich neben sie.

>>Wie Pippi Langstrumpf mit so roten Haaren. <<

Ich sah mich um und entdeckte eine Frau mit roten Haaren, die nervös umher schritt. Sie suchte jemanden, na also so schnell hatte ich sie gefunden. Ich ging Richtung Buchladen, da ergriff das kleine Mädchen meine Hand und lief hopsend neben mir her.

Als ich fast bei ihr war, schritt sie in einen der Gänge und war verschwunden.

In diesem Labyrinth würde ich sie noch verlieren, schnell gingen wir um die nächste Ecke, doch dort war sie nicht. Dass ich größer als alle bin, sollte es einfacher machen, da ich über alle rüber sehen konnte, doch sie war nicht mehr zu finden.

Plötzlich ertönte ein Schrei hinter mir und schon riss mir jemand das Mädchen von der Hand. Ich drehte mich um und erkannte die rothaarige Frau.

Hysterisch drückte sie ihre Tochter an sich: >>Sie wollten mein Kind entführen! Sie Pädophiler! <<, schrie sie ohne Unterlass und die anderen Leute drehten sich bereits um.

Keine 10 Minuten später versuchte ich verzweifelt der Polizei meine Lage zu erklären.

>>Nun hören Sie mir doch bitte zu! Weder arbeite ich hier, noch wollte ich sie entführen! <<

>>Kommen Sie mal mit, wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen. <<, antwortete der Kommissar nur misstrauisch.

Wütend zog ich mir die Mütze vom Kopf und schmiss sie auf den Boden. Es gibt einen Punkt an dem auch ich wütend werde: <<Ich muss endlich weiter! Lassen Sie mich gehen! Mein lieber Gesangsverein, ich bin der Weihnachtsmann! >>

>>Zentrale, wir haben hier eine 8800. Bitte sofortige Einweisung einleiten. <<

Mit einem Griff lag ich am Boden und bekam Handschellen umgelegt.

>>Entschuldigen Sie die Handgreiflichkeiten, aber Sie haben uns keine andere Wahl gelassen, jetzt kommen sie dahin, wohin sie gehören! <<

Ich versuchte vergebens die Situation zu erklären, doch schon bald war ich in der örtlichen psychiatrischen Anstalt.

Ich wusste von Anfang an, dass es eine schlechte Idee war, jemanden um Hilfe zu bitten. Genau wie ich wusste, dass ich meine Karten hätte mitnehmen sollen!

Den Kopf in die Hände gestützt saß ich an einem Tisch und wartete auf jemanden, der mir glauben würde. Als endlich der Arzt kam, sprang ich von meinem Stuhl und trat auf ihn zu.

>>Sie müssen mir glauben, ich bin der Weihnachtsmann! Ich muss zu meinen Rentieren zurück! <<

Der Arzt lächelte mich an und nickte zustimmend. >>Ja, gewiss doch. Aber nun ruhen Sie sich erst mal aus und trinken Sie etwas. <<

An alles weitere kann ich mich nicht erinnern.

Erst als mich jemand bei der Schulter packte und hochzog erwachte ich wieder.

>>Kommen Sie mit. Ihre Frau hat sich gemeldet und will mit Ihnen reden. <<

Ich wurde in einen kleinen Raum gebracht, in dem nur ein Telefon stand.

Erleichtert hörte ich die Stimme meiner Frau: >>Claus, was machst du denn immer? Was denkst du dir dabei, so mir nichts dir nichts, in der Öffentlichkeit rumzurennen? <<, tönte ihre jedoch vorwurfsvolle Stimme zu mir.

>>Claudia, wer wollte, dass ich dieses Navigationsgerät nehme?! Verschon mich mit deinen Vorwürfen! Was soll ich nur tun? Es ist bereits der 1. Weihnachtsfeiertag und ich hab die Geschenke immer noch nicht ausgeliefert. <<

>>Ach Clausi, mach dir darum keine Sorgen, das konnte ich zum Glück klären. <<

>>Wie?<<

>>Zalando, hat sie ausgeliefert. <<

>>AHH!<<

 


 

LEANDRA LISSER

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