Gedicht des Monats

Der Artikel über die bedauernswerte Unbeliebtheit von Gedichten in der heutigen Zeit hat uns – die Redaktion der Schülerzeitung – auf die Idee für eine neue Rubrik kommen lassen: Jeden Monat veröffentlichen wir ein Gedicht, sodass es euch leichter fällt, hin und wieder mal über die beeindruckende Lyrik Deutschlands (und der Welt) zu stolpern!

Diesen Monat beginnen wir gleich mit Hermann Hesse, einem in der Schweiz geborenen, deutschsprachigen Schriftsteller, der 1946 für seine Arbeit sogar den Literatur-Nobelpreis erhielt.
In dem folgenden Gedicht – das zu seinen späteren Werken zählt – beschreibt Hesse euphorisch eine Begeisterung für die Künste (Malen, Musizieren), die den Menschen die Welt öffne, und erwähnt, wie diese uns auch emotional beeinflussen. So erweckt zum Beispiel Musik bei demenzkranken Menschen Erinnerung an ihre Jugend wieder. Wir können uns kaum vorstellen, wie diese sinnlichen Erfahrungen uns mit dem Leben verbinden, in der Dokumentation „Alive Inside“ (https://www.youtube.com/watch?v=IaB5Egej0TQ) wird jedoch anhand des Altersbeispiels gezeigt, wie stark die Auswirkungen von Musik auf uns sind.

Nun genug abgeschweift, hier das Gedicht von Hermann Hesse:

Nachts im April notiert

O daß es Farben gibt:
Blau, Gelb, Weiß, Rot, und Grün!

O daß es Töne gibt:
Sopran, Baß, Horn, Oboe!

O daß es Sprache gibt:
Vokabeln, Verse, Reime,
Zärtlichkeiten des Anklangs,
Marsch und Tänze der Syntax!

Wer ihre Spiele spielte,
Wer ihre Zauber schmeckte,
Ihm blüht die Welt,
Ihm lacht sie und weist ihm
Ihr Herz, ihren Sinn.

Was du liebtest und erstrebtest,
Was du träumtest und erlebtest,
Ist dir noch gewiß,
Ob es Wonne oder Leid war?
Gis und As, Es oder Dis –
Sind dem Ohr sie unterscheidbar?

–       Herman Hesse (April 1962)

(Aus Herman Hesse: Die späten Gedichte, Insel-Bücherei Nr. 803)

Marie

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