Fortsetzungsgeschichte

Wenn ich nicht schon sprachlos gewesen wäre, wäre ich es spätestens jetzt gewesen. Jacks plötzlicher Redeschwall breitete sich langsam in meinem Kopf aus. Ich hatte keine Ahnung, ob ich ihm glauben sollte oder nicht. Schließlich redete er doch sonst nicht so viel komisches Zeug, was nicht heißen soll, dass das was sonst aus ihm heraus kommt viel Sinn ergibt… Andererseits war ich mir ziemlich sicher, dass er sich das diesmal nicht ausgedacht hatte.

Es war bereits Abend geworden. Alice hatte, mit ein wenig Hilfe von Lewis, ein Lagerfeuer zustande gebracht. Wir saßen im Kreis um die zuckenden Flammen herum. Ab und zu spießte jemand einen Keks auf einen Stock und erwärmte ihn kurz im Feuer. Die paar essbaren Pflanzen, die Spencer und Rose gesammelt hatten, wurden gerecht verteilt. Ich hatte zwar großen Hunger, aber das fleischige Blatt, was mir gegeben wurde sah wenig appetitlich aus. Ich versuchte eine walnussgroße unbekannte Beere, die zwar sehr süß, aber dennoch lecker war. Ich schaute in die Runde. Magnus kämpfte gerade mit einem gummiartigen Blatt, welches komische Fäden zog, sobald man abbiss, aber es schien ihm zu schmecken. Jack stocherte mit einem Finger in einem ähnlichen Blatt wie meinem herum und schien abwesend zu sein. Ermutigt von den anderen, die tapfer das Urwaldgestrüpp in sich reinstopften, biss ich auch in mein Abendessen. Ich stellte fest, dass es trotz dem faserigen Innenleben und dem bitteren Nachgeschmack, ein ganz passables Essen war. Der Abend verlief schweigsam und die Truppe löste sich langsam auf. Alice hatte wirklich ganze Arbeit geleistet: Kleine höhlenartige Gestrüpp-Hütten, in denen mindestens drei Leute- wenn auch relativ unbequem- schlafen konnten, sammelten sich um das Lager herum. Stan und Magnus schlüpften zusammen mit Frank in eine Koje. Jack, Lewis und Spence teilten sich ebenfalls ein Schlafplatz, genauso wie Jenny, Sunny und Alice. Am Ende saßen nur noch Rose und ich schweigsam- wer hätte das gedacht?- am Feuer. Die Flammen warfen unheimliche Muster an die umstehenden Bäume und auf unsere Körper. Immer wieder flogen kleine Viecher auf die Flammen zu, doch es waren nur Motten oder sowas. Lewis hatte mit irgendeinem stinkenden Zeug, was er in das Feuer gekippt hatte,  dafür gesorgt, dass die richtig miesen Insekten fernblieben. Rose rollte sich auf dem Boden zusammen und schloss die Augen. Die Stille, die entsteht, wenn man als einziger wach war ist beinahe unerträglich. Immer wieder kamen mir Jacks Worte in den Sinn. Sie verwirrten mich und gleichzeitig schufen sie immer wieder Klarheit in meinen Gedanken. Es war wie verhext.

Ich muss irgendwann auch eingenickt sein, da ich von einem zaghaften Rütteln geweckt wurde. Die Hand gehörte zu Rose, die neben mir hockte. Ich richtete mich langsam auf, mein Rücken war steif und meine Kleidung vom Morgentau klamm. Außer uns war noch kein anderer wach. Ich glaube es war ungefähr 07:00 Uhr. Ich fragte mich, warum sie mich um diese Zeit weckte und sie schien in meinem Gesicht diese Frage lesen zu können. Doch anstatt mir irgendetwas zu sagen zog sie mich Richtung Urwald. Das wurde so langsam seltsam. Was hatte sie verdammt nochmal vor? Ich ließ mich weiter von ihr in den Wald ziehen. Sie zog mich hinter einen dicken Baum, sodass wir jeglichen Sichtkontakt zum Lager verloren hatten. „ Also Simon. Du fragst dich momentan glaub ich mehr als alles andere, was ich von dir will. Ich hab da ein kleines… ähm… wie soll man sagen… Problem. Und irgendwie kann ich es niemandem erzählen, aus Angst, dass es nicht sicher ist… Und da dachte ich, du wärst vielleicht der richtige, da du ja nicht sprichst und so… Also es ist so, dass ich gemerkt habe das ich wie ein Chamäleon bin!“ Was!? Wovon redet sie? „ Du guckt wie ein Auto, ich zeig es dir“, sagte sie und hielt ihre Hand an den Baum. Nichts passierte. Sie kniff angestrengt die Augen zusammen und gerade als ich dachte sie will mich verarschen, war ihre Hand weg. Also sie war da, aber hatte sich irgendwie an den  Baum angepasst. Mir fielen Jacks Worte wieder ein: Und Rose ist auch nicht einfach nur eine kleine rothaarige Teenagerin, sie ist so wandelbar, ihr fällt es nicht einmal auf.  Das war echt gruselig. Die Furcht stand Rose ins Gesicht geschrieben. Sie wartete meine Reaktion ab. Um sie davon zu überzeugen, dass ich ihr Geheimnis für mich behalte- wie sollte ich es auch weitergeben?- und um sie zu beruhigen legte ich ihr eine Hand auf die Schulter und lächelte sie an. Sie schien erleichtert.

 

Die Tage vergingen. Hitze und Feuchtigkeit belasteten unsere Körper. Das größte Problem war der Wassermangel. Unsere einzige Möglichkeit an Flüssigkeit zu kommen, war den Tau von Blättern irgendwie in Flaschen zu bekommen. Unsere Vorräte waren aufgebraucht, doch der Regenwald bot genug Pflanzen, um uns am Leben zu halten. Wir zogen, laut Jacks Kompass, Richtung Nordosten. Wir schlugen unsere Lager nun nicht mehr so bequem wie anfangs auf. Jeder hatte aus Schlingpflanzen sich eine Matte geknotet, die stabil und trotzdem einfach zu transportieren war.

Nach fünf Tagen und aufgefüllten Wasserflaschen kamen wir auf eine Lichtung. Lewis ließ seinen Rucksack fallen und alle anderen taten es ihm nach. Es tat gut eine Verschnaufpause einzulegen, denn obwohl ich körperlich fit war, spürte ich den Wald in meinen Knochen. Zum ersten mal seit langem wurden wieder ein paar Worte untereinander gewechselt: Lewis und Spencer berieten sich, ob man heute weiter gehen sollte und Jack gab wieder sarkastische Kommentaren von sich. Auf einmal kam Spencer auf mich zu und sagte: „ Könntest du mal die Lage checken? Gucken ob hier in der Nähe was interessantes außer Wald ist. Ich hoffe du kannst klettern.“  Er grinste leicht und ich nickte.

Ich kletterte und hangelte mich an einem dicken Baum hoch. Ich erinnerte mich an ein Märchen von dem mir meine Mutter früher erzählt hatte. Es handelte von einem Mann der seit er ein Baby war von Affen aufgezogen wurde und durch den Urwald turnte, bis er eine Frau kennen lernte. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Als ich in der Baumkrone ankam, war ich überwältigt von dem Ausblick, doch nicht weit von meinem Standpunkt sah ich etwas seltsames, was die Idylle irgendwie zerstörte…

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