Fortsetzungsgeschichte

Wir hatten wahrscheinlich keine andere Möglichkeit, als in den Wald zu gehen. Allein bei dem Gedanken nachts unter den hohen Bäumen liegen zu müssen, schon bei dem Versuch scheitern, zu schlafen und plötzlich mit viel zu empfindlichen Ohren unheimliche Geräusche über einem wahrzunehmen, bereitete uns mehr als nur Unbehagen. Auch die Sache mit Wasser und Nahrung war eine unangenehme Sache. In unseren Koffern hatten wir vielleicht ein paar Packungen mit Keksen oder noch eine Flasche Wasser, aber es würde uns keinen Tag versorgen können. Für uns hieß das also, auf gut Glück in den Regenwald marschieren und Verpflegung suchen.

Nach langen Diskussionen, über unseren Werdegang, beschlossen wir unter Führung von Lewis in den Urwald aufzubrechen. Es hatte sich herausgestellt, dass er über das Thema „ Überleben im Regenwald“ ziemlich gut Bescheid wusste. Er wies uns an, das Nötigste aus unseren Koffern zu nehmen, und in einen möglichst tragefreundlichen Zustand zu bringen. Ich leerte meinen Rucksack aus und packte ihn wieder neu: Hinein kamen eine Flasche Wasser, meine Kamera, Müsliriegel, ein kleines Schreibheft, ein Kuli, mein nicht funktionsfähiges Handy, ein paar T-Shirts und Unterhosen, sowie meine Regenjacke, die ich an meinem Rucksack festband. Auf persönliches Zeug, wie Fotos oder Ähnlichem konnte ich getrost verzichten. Meine Familie ist „kompliziert“, weshalb ich um jeden Preis soweit wie möglich weg von ihnen eine Uni gesucht habe. Dann zog ich mir noch ein Paar Turnschuhe an, die waren besser, als die Latschen, die ich gerade anhatte. Ich blickte auf und beobachtete die anderen. Rose stopfte, genauso wie ich es getan hatte, mehrere Kleidungsstücke und eine halb volle Flasche mit Wasser in ihre Umhängetasche. Jenny hingegen konnte sich nicht zwischen zwei Paar High- Heels entscheiden. Bei Lewis Anblick erschrak ich: Aus seinem Koffer kramte er ernsthaft einen Dolch. Lewis bemerkte meinen Blick: „ Den hab ich für meinen Vortrag mitgenommen. Sehr gut erhalten, dieses Stück… Aus dem 19. Jahrhundert. Und ja, ich hab eine Genehmigung. Vielleicht brauchen wir den noch.“ Er grinste. Ich beruhigte mich ein wenig. Lewis steckte den Dolch in seinen Gürtel und wandte sich an die anderen. „ Alle fertig?“, fragte er. „Nein, Jenny ist noch am überlegen, ob sie nicht lieber den roten, statt den rosa Lippenstift mitnehmen soll“, antwortete Jack mit einem fiesen Grinsen. „ Komm Jenny, zieh dir endlich flache Schuhe und `ne Hose an. Kann ja kein Mensch ertragen wie du hier rumrennst“, fügte er hinzu. Jenny sah ihn beleidigt an, entschied sich dann aber doch dazu, seinen Rat zu befolgen. Mit einer Hose unter den Arm geklemmt und einem Flattertop bewaffnet verzog sie sich hinter einen Baum und kam zwei Minuten später umgezogen zurück. Jack grinste und setzte gerade zu einem Kommentar an, da unterbrach ihn Lewis: „ So, da wir nun alle fertig sind, können wir ja losgehen.“

Wir irrten schon seit Stunden durch das dichte Gebüsch. Über uns die unbekannten, hohen Bäume, um uns herum eine Vielfalt an Pflanzen und aus allen Richtungen kamen seltsame Laute von irgendwelchen Tieren. Oft umgab uns eine unangenehme Stille. Nicht einmal Jack gab einen Ton von sich. Ich fragte mich wie spät es ist, doch seit wir an dieser komischen Mauer waren, funktionierten weder unsere Handydisplays- vorher hatten wir kein Netz, jetzt nicht mal einen Bildschirm mit irgendwelchen Buttons drauf, sprich: sie waren tot- noch unsere Uhren. Nicht mal Franks uralte Taschenuhr mit echten Zahnrädern, die man aufziehen musste, damit sich die Zeiger bewegten. Ich schaute rüber zu den anderen: Spencer und Lewis gingen vorne weg, Spencer sah aus, als grübele er vor sich hin, man sah fast kleine Rauchwölkchen aus seinem Kopf hochsteigen. Lewis hingegen machte den Eindruck, als würde er genau wissen, wo es lang ginge. Jack hatte seinen riesigen Seesack auf den Rücken geschnallt und starrte auf einen Kompass, der wie unsere Uhren nicht mehr funktionstüchtig war. Der Pfeil drehte sich endlos im Kreis. Rose hatte einen kleinen Zeichenblock in der Hand, kritzelte irgendetwas und wirkte komischerweise vollkommen entspannt. Ihr Verhalten wirkte seltsam fehl am Platz. Magnus und Stan hielten sich an den Händen und stolperten mehr oder -in Stans Fall- weniger elegant den anderen hinterher. Jenny hatte ihre Plastiktasche mit Krokoleder-Optik in ihre Armbeuge geklemmt und hüpfte angeekelt Lewis und Spencer hinterher. Sunny hingegen verhedderte sich öfter mit ihrem langen Schal oder der weiten Stoffhosen in dornigen Büschen. Alice lief hinter mir und blickte sauer in Richtung Lewis, sie konnte es nicht ausstehen hinter einem Mann zu laufen. Die Nachhut bildetet Frank: Mit seinem  leichten Leinenhemd, der kurzen Cargohose und den Wanderstiefeln, sah er eher wie ein Wissenschaftler aus, statt wie ein Ex- Knacki.

Auf einmal hob Lewis die Hand. Wir blieben stehen. „ Wir werden für den Rest des Tages hier bleiben und einen Unterschlupf für die Nacht bauen“, verkündete Lewis. Wir legten unser Gepäck ab und fingen unter seiner Anweisung an das viele Gestrüpp um uns herum zu entfernen. Dass wir den Großteil der Arbeit erledigten, hieß nicht, dass Lewis nicht mithalf. Er packte da an wo es nötig war und dachte schon über den Tellerrand hinaus: Zusammen mit Spencer schickte er Rose los um Nahrung zu suchen. Er beschrieb ihnen essbare Pflanzen, die hier wuchsen. Ich fragte mich, woher er wusste, dass man das essen konnte und Jack bemerkte meinen fragenden Blick. Er stand direkt neben mir und beobachtete genau wie ich Lewis. Dann sagte er: „ Er weiß, dass man die Pflanzen essen kann, weil es sich hier nichts seit der Seuche geändert hat. Die Natur hat sich nicht viel weiter entwickelt. Die Evolution dauert Jahrtausende und es ist fast kaum möglich, dass sich innerhalb von 130 Jahren alle essbaren Pflanzen in ungenießbare verwandelt haben. Lewis weißt weit mehr über diesen Wald und den Rest der Welt, als wir vermuten.“ Ich sah ihn erstaunt an. Er redete weiter: „ Falls du jetzt denkst, er würde zu den mysteriösen Briefschreibern gehören, irrst du dich gewaltig. Er ist ein Mann, der viel studiert hat und gehört wahrscheinlich zu einem der klügsten Köpfe der Menschheit. Genauso wie Spencer: Der hat mindestens zehn Studiengänge hinter sich. Obwohl er noch sehr jung ist, ist er belesener als manch alter Mann. Wenn wir eine Zeitung zum Frühstück lesen, sitzt er da mit einem dicken Wälzer über die russische Geschichte. Dabei liest er zirka 20.000 Wörter pro Sekunde und kann dir später das Buch, aufgrund seines fotografischen Gedächtnisses, praktisch zitieren. Du fragst dich sicher woher ich das alles weiß, man kann dich so einfach durschauen mein kleiner sprachloser Freund. Nun ich werde es dir sagen: Die beiden sind nicht die einzigen besonderen hier. Wir alle sind besonders. Nehmen wir dich doch einmal: Du kannst rennen wie der Wind und trotz deines Körperbaus bestimmt ordentlich Gewichte stemmen. Dazu benötigst du nur einen Hauch deiner Kräfte und den tankst du nur mit wenigen Stunden Schlaf wieder auf. Und Rose ist auch nicht einfach nur eine kleine rothaarige Teenagerin, sie ist so wandelbar, ihr fällt es nicht einmal auf. Dann wären da noch unsere Turteltäubchen… Magnus ist mehr als nur ein billiger Straßenzauberer, er ist natürlich kein Magier oder so, einfach nur ein außerordentlich guter Meister darin andere Menschen zu ärgern und ihnen das als Magie zu verkaufen. Stan, nun ja, er macht den gesündesten Eindruck den ein Mensch haben kann. Der könnte es mit einer der giftigsten Schlangen aufnehmen und würde an einem ihrer Bisse nicht mal eine Wunde bekommen. Vielleicht ist es dir aufgefallen, aber als wir vorhin durch das Gestrüpp gerannt sind, waren wir voller winziger Kratzer, Stan hatte nicht mal einen, obwohl er oft gestolpert ist und meist mitten in so ein Gebüsch gefallen ist. Und Frankie, der ist skrupellos. Der könnte dir hier und jetzt mit einem Stock und einem Kuli den Blinddarm raus operieren. Er ist nicht nur ein Arzt oder Chirurg, sondern das Skalpell selbst. U weißt bestimmt nicht mehr was ein Skalpell ist. Das war vor dir, ein Skalpell ist ein Messer, dass man früher zum Menschen im OP aufschneiden benutzt hatte. Und dann haben wir ja noch die drei Ladies. Da wäre unsere liebe Sunny: Sie empfängt angeblich ihre Schwingungen, ich halte nichts von paranormalen Sachen, aber an ihr ist irgendetwas, was mich zweifeln lässt. Natürlich könnte sie auch eine sehr gute Schwindlerin sein, was wahrscheinlicher wäre. An Jenny ist nicht unbedingt etwas was sie überdurchschnittlich besonders macht, außer dass sie weiß wie man sich möglichst unnatürlich verhält. Sie ist aus einem unbekannten Grund hier. Und Alice ist eine kleine Handwerkerin, sie könnte einen Skyscraper mit bloßen Händen bauen, okay vielleicht nicht übertreiben, aber sie könnte uns hier einen gemütlichen Untertand zimmern, natürlichen mit vielen männerfeindlichen Kommentaren dazwischen. Und als letztes ich: ich kenne euch alle hier überhaupt nicht, doch kann in euch lesen, wie Spence in einem seiner Lexika. Ich verfüge über eine Beobachtungsgabe und habe mich noch so gut wie nie geirrt. Außerdem ist es mir vergönnt länger auf diesem Planeten zu bleiben, als jeder andere. Ich sehe für dich vielleicht aus wie Ende 30, doch hab ich mehr gesehen als Lewis. Das heißt natürlich nicht, dass ich unsterblich bin, nur dass ich langsamer graue Haare bekomme. Hast du dich mal umgesehen? Wir sind ein Haufen Verrückter!“

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