Fortsetzungsgeschichte

Wo sind wir? Diese Frage stellte ich mir in Gedanken immer wieder. Wir alle hatten versucht, auf unseren Smartphones unseren Standpunkt auszumachen, doch vergebens. Diese ganze Sache ist irgendwie faul. Erst der seltsame Flughafen, dann diese Landschaft, die sich neben der Straße abzeichnete: Verwüstet, keine Häuser nur dichte Wälder mit unbekannten und hohen Bäumen. Mir ist der Weg nicht geheuer. Obwohl er anscheinend frisch asphaltiert war, machte er den Eindruck er sei schon sehr lange hier. Diese Straße führte uns immer mehr in einen unheimlichen Urwald hinein. Es war sehr still und niemand hatte sich getraut ein Wort zu sagen. Am Ende war niemand da, der uns in Empfang nahm. Die Straße hörte abrupt auf, mitten im Urwald. Eine einzige Laterne, dessen Stromquelle nicht auffindbar war, leuchtete in einem unheimlichen gelb-orangen Licht am Ende dieser Sackgasse. Wir alle waren mit unseren Kräften am Ende, wir setzten uns einfach auf unsere Koffer und warteten. Worauf wussten wir nicht. Ich dachte darüber nach warum wir hier waren. Ob es wirklich ein Fehler war oder geplant. Es ist wirklich erschreckend, dass ich, Spencer, keine Antwort wusste. Das zog mich noch tiefer herunter. Nacheinander fielen uns allen die Augen zu. Nur Simon blieb wachsam. Das letzte was ich sah, bevor ich auch wegdämmerte, war Simon, wie er in seinem Rucksack wühlte.

Ich sah auf meine Uhr. Es war fast genau 6:00 Uhr morgens. Alle außer mir schliefen. Aus dem dichten Gestrüpp rund um Straße zirpten Insekten und in den hohen Bäumen konnte man flinke Schatten erkennen, die im Geäst herum huschten. Unruhig  lief ich auf und ab. Ich joggte die Straße entlang. Innerhalb von 3,5 Minuten bin ich an der Landstraße angekommen. Sie war mindestens 2 km lang. Der Busfahrer hatte also mit seinen 500m leicht übertrieben. Ich wusste schon lange, dass ich schneller war als manch anderer. Am Horizont ging die Sonne auf. Sie warf ein rotes Licht auf den Wald, der die gesamte Straße säumte. Ich drehte mich nach einem kurzen Augenblick jedoch wieder um und trabte zu den anderen zurück. Sie schliefen alle noch, bis auf Spencer. Er war vor nur wenigen Stunden als letzter eingeschlafen. „Wo warst du?“, fragte er, doch ihm schien wieder einzufallen, dass ich ihm nicht antworten würde. Ich kritzelte auf ein Blatt: ‚ Vorne an der Straße‘. „Wie lange bist du schon wach?“, fragte er. Ich schrieb: ‚ Seit du eingeschlafen bist‘. Ihn schien die Antwort nicht besonders zu überraschen. Er fragte wie spät es sei und ich zeigte ihm meine Uhr. Es war erst 6:15 Uhr. Spencer nickte. Auf einen weiteren Zettel schrieb ich, dass ich mir mal die Landstraße angesehen habe. Er nickte wieder, er sah sehr müde aus. „ Wir sollten die anderen noch schlafen lassen, bis der Bus kommt“, sagte er schließlich.

 

Ich hörte Stimme. Sie schien mit sich selbst zu reden, doch als ich meine Augen öffnete, sah ich, dass Spencer- er erinnert mich total an so einen Typen, der alles weiß, es aber nicht zugibt- neben dem Sprachlosen-Simon- auf seinem Koffer hockte und sich mit ihm ‚unterhielt‘. Ich setzte mich auf und fuhr mit den Händen durch meine verwuschelten Dreadlocks. Dann stand ich auf und ging auf die beiden zu. „ Gibt’s was neues?“, fragte ich grinsend. Ich richtete mein Wort an Simon, obwohl ich nur zu gut wusste, dass er nicht antworten würde. Er schien zu wissen, dass ich ihn verarschen wollte und blickte mich böse an. Ich machte den Mund auf um eine spöttische, neckende Bemerkung zu machen, doch Spencer fing bereits an zu reden: „ Nein, gibt es nicht. Wir lassen die anderen noch ein bisschen schlafen, dann machen wir uns auf den Weg zur Landstraße, um auf den Bus zu warten.“ Ich zog die Augenbrauen hoch, doch antwortete nicht. Ich spürte ein Ziehen in meinem Magen und bemerkte, dass ich unglaublichen Hunger hatte. Kein Wunder, schließlich hatte ich seit dem Flug nichts mehr gegessen. Ich kramte aus meinem Seesack eine Packung Kekse. Sie waren total zerkrümelt, schmeckten aber immer noch. Ich bot den anderen zwei auch ein paar Krumpeln an und sie nahmen dankbar an. In Gedanken versunken starrte ich in den dichten Urwald. Schweigend saßen wir da. Ich beobachtete die anderen, sie hatten alle die Augen geschlossen. Mein Blick blieb an dieser komischen Laterne hängen, die beständig brannte, ohne Strom zu benötigen. Plötzlich flackerte sie hell auf und erlosch dann. Laut meiner Uhr war es  bereits 7:00. In der Ferne konnte man ein knirschen und ein dumpfen Knall hören. „Was war das?“, fragte Spencer. „ Sehen wir so aus als wüssten wir das?“, fragte ich zurück und zeigte abwechselnd auf Simon und mich. Spencer überging diese Antwort. „ Wir sollten die anderen wecken“, sagte er daraufhin. Wir nickten. Doch ich machte mir nicht die Mühe und weckte jeden einzeln auf, sondern sagte laut: „ Raus aus den Federn, meine Freunde!“ Als Dank für diesen Spruch bekam ich vom Sprachlosen, sowie von Spencer einen tadelnden Blick und von dem Rest ein böses Grummeln. Ich grinste.

 

Ich streckte mich. So eine Ansage am frühen Morgen ist total bescheuert. Mein mieses Morgengefühl wurde jedoch schnell von dem Gedanken verdrängt, am darauf folgenden Abend in einem echten Bett zu schlafen. Mein Rücken schmerzte ein wenig und meine linke gesichtshälfte war total zerknautscht. Ich gähnte und band mit einem Haargummi meine widerspenstigen roten Locken zu einem Dutt zusammen. Die anderen um mich herum sahen auch noch sehr müde aus, nur Spencer, Simon und Jack sahen relativ wach aus. Ich stand auf und begrüßte sie. Jack bekam noch einen grimmigen Blick- im Rahmen meiner Möglichkeiten- welchen er mit einem jungenhaften Grinsen quittierte. So langsam waren alle auf den Beinen: Lewis hatte seinen Hut auf und einen Lederrucksack auf den Rücken geschnallt, Jenny versuchte vergebens mit ihrem Handy Empfang zu bekommen, indem sie es hoch über ihren Kopf hielt und in der anderen Armbeuge ihre Handtasche balancierte. Frank kramte in seiner Tasche nach etwas und Sunny machte irgendwelche Bewegungen, die nach Yoga aussahen. Dabei murmelte sie in einer unverständlichen Sprache Wörter vor sich hin. Magnus hingegen zog mit einem grünen Kajal seine Wasserlinien nach und kleisterte sich noch Glitter auf sein Augenlid. Stan putzte seine Brille. Alice, die sich komischer Weise über Nacht die Schuhe ausgezogen hatte, musste feststellen, wie unpraktisch eine Vogelspinne im Schuh war. Doch ohne sich groß darüber aufzuregen schüttelte sie diese in ein Gebüsch. Mir lief es, trotz der hohen Temperatur, kalt den Rücken runter. Als wir alle soweit fertig waren, machten wir uns auf den Weg in Richtung Landstraße. Wir alle freuten uns schon darauf wieder in einer normalen Umgebung zu sein. Die Straße war jedoch wesentlich länger, als ich sie in Erinnerung hatte. Doch wo eigentlich das vermeintliche Ende des Weges hätte sein sollen, befand sich eine Mauer. Als wäre sie aus dem Boden gewachsen. Na klasse…

 

Mein Hirn überschlug sich fast. „ War die vorhin schon da?“, fragte ich Simon, obwohl ich die Antwort bereits schon vermutete. Er schüttelte den Kopf und bestätigte meinen Verdacht: wir sind nicht zufällig hier. Aber das seltsamste war doch, dass es von der Zeit überhaupt nicht gehen würde, dass innerhalb einer ¾ Stunde einer Mauer gebaut werden kann, wobei ich vermute, dass wer auch immer diese Steine gestapelt hat, nicht nur den Weg zur Straße versperrt hat… Ich ging einen Schritt näher an die Wand. Sie bestand aus großen quadratischen Steinen und war überzogen mit silbernen Fäden. Die Fäden blitzen alle paar Sekunden auf, aber nur sehr kurz, sodass man sie leicht übersehen konnte. Obwohl diese Mauer nicht sehr hoch war, wusste ich, dass wir nicht einfach mal so eben drüber klettern konnten. Es war eine Mauer aus purem Strom. Wenn auch nur einer von uns sie berühren würde, würde er innerhalb weniger Sekunden vollkommen gegrillt. „ Spencer, was ist los?“, fragte Lewis. „ Die Mauer… sie ist vollkommen unter Strom gesetzt. Wir kommen da niemals drüber“, antwortete ich. „ Wie wär‘s mit drum rum gehen?“ , fragte Jenny und setzte einen unverschämt dummen Blick auf. „ Versuchs doch“, grinste Jack, der wahrscheinlich, wie ich, vermutete, dass die Wand mehr als den Weg versperrte. Und kurzerhand stolzierte Jenny zu der Mauer, wandte sich dann nach links und lief geradewegs in den Urwald. Nach 5 Minuten kam sie mit zerzausten Haaren und zerkratzten Beinen wieder und meinte: „ Die Mauer ist glaub ich relativ lang.“ „ Nee ehrlich?“, fragte Jack. Jenny wollte ihm antworten, doch Rose unterbrach sie bevor sie auch nur einen Ton sagen konnte. „ Was ist das da?“, fragte sie und zeigte auf die Mauer. Ein blütenweißer Zettel steckte in einer Spalte zwischen zwei Steinen. Simon zog die Augenbrauen zusammen und wollte gerade den Zettel herauszupfen, da hielt Jack ihn am Arm fest. „ Willst du ernsthaft gegrillt werden, wie ein Steak?!“ Simon schüttelte den Kopf. Dann drängte sich überraschenderweise Alice zwischen uns mit etwas in  der Hand, das aussah wie eine hölzerne Grillzange. Damit schnappte sie sich den Zettel blitzschnell und ließ die selbstgebastelte Zange fallen. „Schaut her ihr Männer, wir Frauen sind euch immer einen Schritt voraus!“, mit diesen Worten schritt sie zurück zu ihrem Koffer und drückte Rose den Zettel in die Hand. Diese faltete ihn auseinander und las ihn laut vor: „Willkommen, willkommen in der Zukunft! Ihr seid bestimmt ein wenig verwundert über das, was geschehen ist. Ihr seid der Schlüssel zu der Zukunft und unsere Hoffnung. Doch versucht nicht zu fliehen, die Mauer hat euch eingekesselt, es gibt keinen anderen Weg, als uns zu helfen. Im Laufe der nächsten Tage werdet ihr bei uns sein. Vielen Dank schon mal im Voraus …“ Mit diesen Worten hatte keiner von uns gerechnet.     „ Was machen wir jetzt?“, fragte ich. Lewis sagte: „ Ich denke uns bleibt nichts anderes übrig als nach denen zu suchen, die diesen Brief geschrieben haben.“

 

Wir alle standen da. Ernüchtert, selbst Jack. Wir hatten quasi den Freifahrtschein ins Unglück bekommen. Uns allen war bewusst, dass der Brief nur leere Worte enthielt, von wegen Schlüssel der Zukunft und all dem anderen Geschwafel.

 

Hannah Pooch

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