Die Arroganz der Macht

Als alter Greis genießt man normalerweise seinen Lebensabend, hält den Verkehr beim Arzt auf, sagt ständig, dass früher alles besser war, meckert über Jugendliche und zu laute Musik und schreibt sich Falschparker auf. So nicht Hartmut Mehdorn. Der 71-Jährige ehemalige Bahnchef kann es einfach nicht sein lassen, ein Projekt nach dem anderen zu managen, und soll nun das wahrscheinlich am schlechtesten organisierte Unternehmen Berlins retten – und damit seinen nächsten Misserfolg verbuchen. Doch Geld ist es nicht, was ihn auf der Bühne hält, wie er den SchülerInnen verrät. Davon habe er schließlich genug.

Als Mehdorn die halbvolle Aula betritt, lässt sich ein Rauschen durch die Schülerschaft feststellen. Ein selbstzufriedenes, ja schon fast herablassendes Lächeln in seinem Gesicht deutet darauf hin, wovon die nächste Stunde geprägt sein wird: Grandiose Selbstüberschätzung und Arroganz.

Doch es beginnt friedlich. Stipe vom PW-Leistungskurs von Dannenberg präsentiert Herrn Mehdorn das Projekt „Green Mobility Rent“ im Rahmen des Projektes „Junior Tech“. Sie stellen sich darunter eine „elektronischen und ökologischen Autovermietung am Flughafen BER“ vor. Mehdorn segnet das Projekt mit einem „gut“ ab, wobei auch ihm nicht klar zu sein scheint, was genau ein solches Projekt mit Politikwissenschaften zu tun hat. Als Politiker versteht er sich schließlich auch nicht. Auf die Frage, was er denn von Elektroautos halte, gibt er ein eher weniger begeistertes „Muss ja in Zukunft gefahren werden“ von sich. Nein, Mehdorn ist nicht öko, wie der Kurs enttäuscht feststellen muss – und wie es sich im Laufe der Stunde auch noch klarer zeigen wird. Schließlich sind es nun mal die Ökofritzen, die zu Lasten der Interessen der Unternehmensmanager für Umwelt, für Mensch – und vor allem, zum Entsetzen Mehdorns, gegen Fluglärm Sturm laufen.

So lässt der Flughafenchef natürlich nicht die Chance vorbeigehen, vor 100 SchülerInnen seinem Ärger über die Bürgerinitiativen in Lichtenrade, Blankenfelde und anderswo Luft zu machen. „Mobilität macht nun mal Lärm“, so sein Credo. Und gaukelt dann der Schülerschaft vor, dass wir alle ja von der Mobilität abhängig seien, und verkündetet „Wir machen schon Lärmschutz“.

Doch die SchülerInnen zeigen sich wenig überzeugt. So weisen gleich mehrere SchülerInnen auf ein mögliches Nachtflugverbot hin – und werden von Mehdorn kurzerhand abgewiesen. „Ein Hauptstadtflughafen muss 24 Stunden geöffnet sein!“ erklärt er, ohne dies weiter zu erläutern. Stattdessen sollen, so Mehdorn, die Betroffenen doch einfach umziehen und sich irgendwo anders ein Häuslein kaufen. Eingedenk der Tatsache, dass Brandenburg eh schon unter Abwanderung und die dort verbliebene Seniorenbevölkerung (die NICHT umziehen will/kann, da sie in ihren letzten Jahren ruhen möchte – Mehdorn sollte sich ein Vorbild daran nehmen!) deshalb unter fehlender Infrastruktur und Sozialleistungen leidet, klingt dies schon fast zynisch. Auch als darauf hingewiesen wird, dass man in Lichtenrade davon ausgegangen sei, dass man vom neuen Flughafen nicht betroffen sein werde, hat Mehdorn nichts anderes zu sagen, als „Da melden sich Menschen zu Wort, die sich vom Lärm betroffen fühlen, nur weil sie ein Flugzeug am Himmel sehen“. Sehr verständnisvoll, dieser Mann.

Und nach diesem Schema geht die Diskussion durchweg weiter. Beim Thema „Kostenexplosion“ ist Mehdorn – natürlich – wenig selbstkritisch. „Mit einem nicht eröffneten Flughafen kann man kein Geld verdienen“. Deshalb werde der Flughafen teurer als gedacht. Im Nachhinein sei man schließlich immer schlauer. Die Frage nach dem Scheitern des Flughafenprojektes oder der Suche nach einem alternativen Standort lässt er gar nicht erst zu: „Ich bin der Flughafenchef. Was erwarten Sie von mir?“

Dann stellt Mehdorn fest, dass die SchülerInnen „eifrige Zeitungsleser“ seien und sie nicht alles glauben sollten, was in den Medien stehe. Er selbst lese deshalb keine Zeitungen. Oder mit anderen Worten: Die SchülerInnen sind dumm, er ist es nicht. Sich selbst stellt er entsprechend ein gutes Zeugnis aus. „Manager haben ein hohes Maß an sozialer Verantwortung“ und er würde dieses auch wahrnehmen. Wenig ist davon jedoch zu spüren, als es um die Einzelhändler, die ein Geschäft im BER plan(t)en, geht. „Wir können rechtlich keine Schäden übernehmen.“ Es werde schließlich kein Vertrag gekündigt und die Geschäfte könnten nach der Eröffnung ihr Geld machen.
Am Ende wird es nochmal öko. Maya verweist darauf, dass der BER auf den großen Dächern Solaranlagen anbringen und einen großen Teil des Energiebedarfs damit ökologisch gewinnen könnte. Doch auch sie stößt auf taube Ohren und wird mit der Floskel „Man geht ja lieber zum Bäcker für seine Brötchen, als es selbst zuhause zu machen, weil es der Bäcker besser kann“ abgewiesen.
Am Ende bleibt vor allem ein Eindruck: Verunsicherte SchülerInnen, die vergeblich versucht haben, die Wand Mehdorn zu durchbrechen. Es gelingt ihnen nicht, denn die Hierarchie in Mehdorns Kopf zwischen ihm und der Schülerschaft verhindert es. Eine Hierarchie zwischen dem verdummten, gemeinen Volk in Gestalt der Schülerschaft und dem mächtigen, klugen Manager, der durch Fragen von unten belästigt wird. So sieht es Mehdorn. Und deshalb hört er auch mit 71 nicht auf. Nicht wegen des Geldes, wie er den SchülerInnen auch gesteht, sondern schlicht und ergreifend: Wegen der Macht.

MERT KARATERZI

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