Daten – Ein Blick auf unsere digitalisierte Welt

Im Jahre 2006 wollte ein in Vancouver lebender Psychotherapeut namens Andrew Feldmar neuerlich die kanadisch-amerikanische Grenze überqueren, um einen Freund abzuholen, der gerade von einer Reise zurückgekehrt und am Flughafen von Seattle gelandet war. Der amerikanische Grenzbeamte befragte Google zu Feldmar und fand einen wissenschaftlichen Aufsatz aus dem Jahre 1965, in dem der damals 25-Jährige beschrieb, im Rahmen eines Experiments LSD sowie weitere psychedelische Substanzen eingenommen zu haben. Vier lange Stunden wurde er verhört, Fingerabdrücke wurden genommen. Die Einreise in die USA wurde ihm verweigert – für immer.
Nach eigener Aussage hatte Feldmar zuvor die Grenze über hundertmal ohne Zwischenfall passieren können. Und obwohl sein – der Wissenschaft dienender – Drogenkonsum zum Zeitpunkt der Grenzkontrolle bereits über vierzig Jahre zurücklag, wurde er bestraft.
An diesem Beispiel wird deutlich, wie wenig sich das Internet um Dinge wie Amnesie oder Verjährung schert und wie sehr wir darauf achten sollten, was wir von uns öffentlich – und nichts anderes ist das Internet – preisgeben.
Skurril, obwohl leider vielmehr verstörend ist, was bisweilen im sogenannten „Play Store“ auf Android-Smartphones angezeigt wird, wenn man bestimmte Spiele oder Apps herunterzuladen beabsichtigt. Da verlangen doch tatsächlich Gehirn-Jogging-Applikationen und eine allzu bekannte Fußballsimulation Zugriff auf meine Galerie, meine Musik; ein seit langer Zeit in den Top-Ten rangierendes Jump’n’Run-Spiel will sogar wissen, wann ich mit wem telefoniere, und eine der Wettervorhersage dienende Applikation verlangt zu alledem, meine Kamera sowie mein handyinternes Mikrofon nutzen zu dürfen. Wenn man bedenkt, dass dies alles überaus erfolgreiche Anwendungen sind, erscheint ein auf Anonymität und Datenschutz bedachter Kurznachrichtendienst, der zum Zeitpunkt, da ich diesen Artikel gerade verfasse, auf dem ersten Platz steht, mehr als paradox.
Die Möglichkeit, die heutzutage exponentiell wachsenden Datenmengen zu erheben und auszuwerten, lassen sich viele große Unternehmen nicht entgehen. Dadurch erhalten sie bedeutsame Wettbewerbsvorteile, schließlich lassen sich mit ihnen interne Strukturen optimieren und Produkte individualisieren. Bekanntestes Beispiel dafür sind Werbeanzeigen im Internet, die mit den persönlichen Präferenzen korrelieren, dass sich also die Angebote und Annoncen im Internet an den bereits getätigten Käufen oder angeschauten Produkten anpassen.
Für die Steigerung der Effizienz in der Unternehmensführung und in der massenbezogenen Individualisierung kaufen einige Konzerne Daten auch bei anderen Firmen an, sodass beispielsweise unsere Adressen bei jemandem gelandet sind, bei dem wir ebendiese nie hinterlassen haben. Banken interessieren sich für die Höhe und Häufigkeit unserer Einkäufe, durch die sich Rückschlüsse auf unser Vermögen erlauben. Dieses Wissen nutzen sie bei der Kreditvergabe.
Prekär wird es, wenn Menschen aufgrund dieser Daten benachteiligt und gar diskriminiert werden. So schickte beispielsweise ein Reiseportal Nutzern von Apple-PCs teurere Angebote als jenen, die im Besitz von Computern anderer Hersteller waren. Sie gingen nämlich durch eigens durchgeführte Untersuchungen davon aus, dass Apple-Nutzer wohlhabender und deshalb eher bereit seien, mehr Geld für ein gleiches Produkt auszugeben. Gerecht ist das nicht. Zukünftig könnte man allerdings nicht nur individuelle Preise genießen, ebenso droht Gefahr von Versicherungen. Wenn wir nun beispielsweise unseren Blick auf Autoversicherungen werfen, wird offenbar, dass diese größere Gewinne machen, wenn sie immer weniger Leute versichern, die häufig Unfälle verursachen. Ideal wäre es für sie, wenn die Versicherungen unser Fahrverhalten schon im Voraus kennen und einschätzen könnten. Möglich wäre dies, wenn Sensoren in Autos genau diese relevanten Daten sammeln und ebendiese an Firmen schicken würden. Vergleicht man dann unsere Eigenheiten des Fahrens mit früheren Daten, von denen man weiß, wer mit welchen Fahreigenschaften wie oft Unfälle gebaut hat, ließe sich mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, ob wir – obwohl noch nie getan – zukünftig ebenso für einen Unfall verantwortlich sein werden. Die logische Konsequenz daraus wäre, dass wir keinen Versicherungsvertrag bekämen – oder einen zu horrenden Konditionen. Somit würden wir für etwas bestraft werden, was wir noch gar nicht getan haben, von dem nicht einmal sicher ist, ob wir es überhaupt jemals tun würden.
Was außerdem viel Gutes verspricht, aber dennoch große Risiken birgt, ist das sogenannte Predictive-Policing, voraussagende Polizeiarbeit also. Es soll Verbrechen vorhersehen und wird sowohl in einigen Bundesstaaten der USA als auch bereits in Deutschland in Anfängen praktiziert. Doch ähnlich der Autoversicherung könnte hier jemand für etwas bestraft beziehungsweise verhaftet werden, ohne ein Verbrechen begangen zu haben, weil eine Myriaden an Daten auswertende Maschine Korrelationen zwischen uns und einem potenziellen Verbrechen sieht – auch wenn wir womöglich nicht beabsichtigen, eines zu begehen. Die Nicht-Perfektion des Algorithmus würde auch unschuldige Personen als verdächtig markieren, die dann wiederum keine Möglichkeit hätten ihre Unschuld zu beweisen, weil sie ja noch nichts getan haben.

Wir sehen also, wie das Phänomen Big Data, die Unmengen an Daten, die heutzutage in unermesslicher Weise erzeugt und ausgewertet werden, große Gefahren birgt, die sich hinter vielen verheißungsvollen Versprechen von Unternehmen und auch dem Staat verbergen. Doch das Thema ist viel zu komplex, als dass es sich in einem Artikel mit all seinen Facetten darstellen ließe. Wenn Euch dieser Text allerdings neugierig gemacht hat, zögert nicht, Euch zu informieren, denn eine derart digitalisierte Welt wie heute ist einzigartig, vielversprechend und riskant. Außerdem hat Google-Boss Eric Schmidt (noch) leider recht, wenn er sagt: „Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft versteht, was passiert, wenn alles zugänglich ist, man alles wissen kann und alles von jedem ständig aufgezeichnet wird.“ Um unser aller Willen sollten wir das ändern.

Tim Großmann

Bildquelle: geralt – http://pixabay.com/de/frau-stylisch-at-internet-netzwerk-163426/ This picture is licensed under CC0 Licence.

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