Fortsetzungsgeschichte

Fortsetzungsgeschichte

Ich spüre dieses wohlbekannte Gefühl der Müdigkeit in mir aufkommen, doch ich weiß, ich muss dagegen ankämpfen. Ich zerre weiterhin krampfhaft an dem Stoff, bis ein weiteres ‚Klack‘ zu hören ist. Ich höre meinen Herzschlag schneller schlagen, nicht einmal der Fernseher gibt nun noch einen Ton von sich. Nach erneutem Ziehen an dem Stoff lässt er nach dem dritten ‚Klick‘ nach und ich taumle mit dem Fetzen in der Hand rückwärts durch die Dunkelheit. Ein kleiner Spalt öffnet sich und lässt einen schmalen Lichtstrahl in den gefliesten Raum eindringen. Was passiert hier? Habe ich gerade den Ausweg aus meiner misslichen Lage gefunden? Ich gehe Schritt für Schritt auf den Lichtstrahl zu und stelle mir immer wieder dieselbe Frage, was mich wohl hinter dem kleinen Spalt erwarten wird. Ich versuche nun den Fernsehbildschirm zu ergreifen und ihn zu meinen Gunsten zu verschieben. Der theoretische Teil an diesem Plan scheint jedoch weitaus plausibler gewesen zu sein, als die tatsächliche Umsetzung, denn ich habe bisher anscheinend noch nie versucht einen Fernseher zurecht zu rücken. Das Gerät scheint eine Tonne zu wiegen, ich weiß nicht genau, ob es daran liegt, dass ich komplett übermüdet bin oder daran, dass ich in diesem Loch von Zimmer jegliche Kraft in meinen Armen verloren habe, aber mein Wille ist größer denn je, in mir baut sich ein Schwall der Hoffnung auf und mit einem kräftigen Ruck verschiebe ich den Fernseher nach links. Dabei fällt mir eine Schiene auf, an der das Gerät befestigt ist.

Mein Herzschlag erhöht sich erneut und mit einer weiteren Anstrengung gelingt es mir, den monströsen Bildschirm bis zum Anschlag nach links zu versetzen. Ich spüre das Zittern in meinen Händen und Beinen. Die Ritze, welche bisher nur einen kleinen Spalt Licht in den Raum ließ, verwandelt sich in ein kleines Fenster, sodass nun der zuvor stockdustere Raum lichtdurchflutet hinter mir liegt. Euphorisiert von meinem gerade errungenen Erfolg blicke ich durch die trübe Scheibe des Fensters und versuchte so meinen Aufenthaltsort zu bestimmen. Ich schaue in einen scheinbar unbewohnten jedoch bereits modern eingerichteten Raum.

Die Einrichtung ist in schlichtem Weiß gehalten, der glänzende Boden schimmert im Licht der durch die großen Terrassenfenster einfallenden Sonnenstrahlen. Fein verzierte Säulen schmücken den Raum aus und stehen in einem starken Kontrast zu der sehr modernen Einrichtung. Während sich draußen eine Wolke vor die Sonne schiebt, stockt mir der Atem als ich plötzlich eine gut gekleidete Frau in den großen Raum, man könnte ihn schon fast als Saal bezeichnen, eintreten sehe. Sie wird von einem glücklichen Pärchen begleitet, Hand in Hand, welche ähnlich große Augen bei Betrachtung der Einrichtung machen wie ich.

Während ich die drei mir komplett fremden Personen beobachte, beginnt in mir die Panik auszubrechen, sind das meine Entführer? Was machen sie mit mir, wenn sie sehen, dass ich den Ausweg aus ihrem für mich errichteten Versteck gefunden habe? Dieser Gedanke lässt meine Beine zittern, wie gelähmt stehe ich vor dem Fenster, es kann sich nur noch um Sekunden handeln, bis sie mich entdecken. Doch was macht die gut gekleidete Frau? Sie erzählt dem Pärchen etwas und liest von ihrem Klemmbrett ab, ihr gut sitzendes Kostüm ist farblich perfekt mit der hellen Möblierung des Zimmers abgestimmt. Das junge Paar schaut sich in dem Raum um, der Mann, der seiner Freundin überglücklich in die Augen schaut, scheint der schlanken Frau mit dem Klemmbrett eine Frage zu stellen, welche sie freundlich lächelnd beantwortet. Plötzlich beginnen sie sich in meine Richtung zu bewegen, doch komischerweise würdigen sie mich keines Blickes. Sehen sie mich nicht oder wollen sie mich einfach nicht sehen? Diese Frage lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen. Ich weiche einen Schritt zurück und beobachte mit mulmigem Gefühl im Bauch weiterhin das Geschehen.

Irgendetwas scheint sich in diesem Moment geändert zu haben. Der zuvor glückliche und zufriedene Gesichtsausdruck der zwei jungen Menschen, hat sich in eine traurige und enttäuschte Mine verwandelt. Was ist passiert? Ich war gerade mal einen Augenblick unaufmerksam. Haben sie mich entdeckt? Das erscheint mir unwahrscheinlich. Das junge Pärchen verabschiedet sich mit einem dankenden Händeschütteln von der Frau, diese bleibt zurück. Ich versuche ihre Mimik zu deuten, sie wirkt enttäuscht, sie bindet sich ihre langen blonden Haare zu einem Zopf und legt ihr Klemmbrett ab. Sie holt ihr Handy aus ihrer Tasche und hält es sich ans Ohr, sie führt ein angeregtes Gespräch und ich wüsste nur zu gerne mit wem und worum es geht. Ihrem genervten Gesichtsausdruck nach, welchen ich auch aus dieser Entfernung erkennen kann, verläuft das Gespräch nicht ihrer Vorstellung nach. Sie legt energisch auf und es läuft mir eiskalt über den Rücken, als sie gerade auf mich zukommt. Den Blick konzentriert auf mich gerichtet, läuft sie mit selbstsicheren Schritten zu dem Fenster, aus dem ich sie beobachte.

Ich bin wie gelähmt, die Signale meines Gehirns an meine Füße scheinen nicht anzukommen. Wie angewurzelt stehe ich vor der trüben Scheibe und blicke der Frau nun direkt in die Augen. Doch was macht sie? Sie zückt aus ihrer kleinen Handtasche einen Gegenstand. Einen Schlüssel? Nein, einen Lippenstift. Sie beugt sich nun nah an die Scheibe und scheint sich selbst zu betrachten, sie fährt mit dem Zeigefinger über ihre Augenbraue und beginnt den leuchtend roten Lippenstift aufzutragen. Sie fletscht mir ihre Zähne entgegen und wischt mit ihrem Finger darüber um den Lippenstift von diesen zu entfernen. Meine zuvor aufkommende Angst verwandelt sich in eine bittere Enttäuschung, diese Art von Scheiben sind mir bekannt, jeden Sonntag begegnen sie mir beim „Tatort“-schauen, selbst habe ich sie am Set gesehen.

Es war die dritte Staffel. Meine Rolle war Zeuge eines Verbrechens geworden und musste in einem dieser Verhörsäle sitzen, es sollte so realistisch wie möglichen wirken, weshalb wir auf einem Polizeirevier drehten. Es ist mir damals schon unheimlich gewesen, dass mich jemand hinter der verspiegelten Scheibe beobachtete, doch ich muss bedauerlicherweise feststellen, dass es noch viel unheimlicher ist, auf der anderen Seite zu stehen, ohne dass einen jemand sehen oder hören kann.

Meine zuvor gewonnene Euphorie verwandelt sich schlagartig in großes Unbehagen. Ich versuche zu begreifen, dass die Frau keine Ahnung von meiner Anwesenheit hat. Oder weiß sie nur nicht, dass ich es geschafft habe, den Fernseher zu verrücken? Ich muss die Situation nutzen und versuchen, auf mich aufmerksam zu machen. Ich schlage mit aller Kraft gegen die Spiegelscheibe – erfolglos, die Frau zeigt keinerlei Reaktion. Das wäre natürlich zu einfach gewesen. Doch bei meinem kläglich gescheiterten Versuch fällt mir etwas ins Auge, die Frau trägt ein mit einer Stecknadel befestigtes Schild an ihrer Brust. „Katja Funke – Kramer Immobilien“. Eine Maklerin also. Das erklärt auch ihre Aufmachung und das junge Pärchen, welches ich vorhin beobachtet habe. Ich beobachtete eine Hausbesichtigung, doch anscheinend hat Fräulein Katja Funke bei ihren Kunden keinen allzu großen Erfolg gehabt. Ob sie weiß, dass es in dieser Immobilie noch einen weiteren Raum hinter dem Spiegel gibt, in welchem sie sich gerade betrachtet?

Doch diesen Gedanken kann ich sofort wieder verwerfen, denn etwas anderes beschäftigt mich. Dieser Name! Kramer, Kramer – woher kenne ich ihn bloß?

Ich werde von einer Bewegung der Maklerin aus meinen Gedanken gerissen. Sie dreht sich ruckartig um und erblickt wohl einen Moment vor mir den Mann, welcher gerade den Raum betritt. Auch er ist wohl gekleidet. Er trägt einen schwarzen Anzug und darunter ein weißes Hemd, an welchem der erste Knopf geöffnet ist. Sein linkes Handgelenk schmückt eine silbern glänzende, teuer aussehende Uhr. Lässig hat er eine Hand in der Hosentasche vergraben und in der anderen hält er sein Handy. Ein gut gebauter Mann meines Alters, selbstbewusstes Auftreten, blonde Haare – rundum attraktiv, doch irgendetwas stört mich an ihm. Dieser Gang als er auf die Maklerin zukommt – das kommt mir alles so bekannt vor. Als er, nur noch ein paar Meter von dem verspiegelten Fenster entfernt, stehen bleibt und die Maklerin mit einem freundschaftlichen Kuss auf die Wange begrüßt, sehe ich ihn – diesen unverkennbaren arroganten Gesichtsausdruck. Mein Puls wird abrupt schneller. Jetzt wird mir klar woher ich diesen Namen kenne. Er ist es der ihn trägt – Matt Kramer, der Junge, der Schuld war, dass die Freundschaft von mir und Caro zugrunde ging.


 

  • Vivienne Lamboy

 

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